In Deutschland gibt es eindeutige Kriterien dafür, wann bei einer akuten Nierenschädigung (AKI) eine Nierenersatztherapie begonnen werden soll. Unklar ist jedoch, wann die Dialyse wieder beendet werden kann. Die LIBERATE-D-Studie aus den USA,
veröffentlicht im Fachmagazin JAMA, zeigt nun eine Strategie, mit der Betroffene schneller die Nierenfunktion zurückgewinnen und insgesamt weniger Dialyse benötigen.
1LIBERATE-D stellt bisheriges Vorgehen infrage
„Da es in Leitlinien bislang keine präzisen Empfehlungen zum Absetzen gibt, wird das Vorgehen in deutschen Kliniken unterschiedlich gehandhabt“, berichtet Prof. Dr. Jan T. Kielstein, Chefarzt der Klinik für Nephrologie, Rheumatologie und Blutreinigungsverfahren am Städtischen Klinikum Braunschweig, im Gespräch mit Medscape.
„Die meisten Nephrologinnen und Nephrologen orientieren sich daran, ob die betroffene Person wieder ausreichend Urin ausscheidet – meist mindestens 0,5 Liter pro Tag. Solange das nicht der Fall ist, denkt man bei einer Akutdialyse eigentlich gar nicht ans Aufhören. Und genau das hat LIBERATE-D infrage gestellt“, so Prof. Kielstein.
Konsequentes Absetzen erstmals randomisiert getestet
Die LIBERATE-D-Studie fand statt unter Federführung von Dr. Kathleen D. Liu von der Division of Nephrology der University of California in San Francisco, USA. Es wurden 220 Personen aus 4 US-Kliniken eingeschlossen, die aufgrund einer AKI dialysiert wurden – zum Zeitpunkt der Randomisierung seit median 9 Tagen. In der Interventionsgruppe wurde die Dialyse konsequent abgesetzt, unabhängig von Laborwerten wie Kreatinin oder Urinmenge.
Eine erneute Dialyse erfolgte nur, wenn bestimmte metabolische oder klinische Probleme auftraten – etwa ein stark erhöhter Blutharnstoff (> 112 mg/dl), eine therapierefraktäre Hyperkaliämie (> 6 mmol/l bzw. > 5,5 mmol/l trotz Behandlung), eine ausgeprägte metabolische Azidose (pH < 7,15 oder Bicarbonat < 12 mEq/l) oder ein klinisch relevantes Lungenödem mit Hypoxie trotz Diuretika. Zusätzlich konnten die Behandler aus klinischer Einschätzung heraus dialysieren.
In der Kontrollgruppe wurde dagegen nach klassischer Strategie 3-mal pro Woche dialysiert, bis die Nierenfunktion als erholt galt – etwa bei einer Kreatinin-Clearance > 20 ml/min, einer Urinausscheidung von > 1 l/Tag ohne oder > 2 l/Tag mit Diuretika oder einem spontanen Abfall des Serumkreatinins.
Schnellere Erholung der Nierenfunktion durch konservative Strategie
Primärer Endpunkt war die Erholung der Nierenfunktion bis zur Krankenhausentlassung, definiert als mindestens 14 aufeinanderfolgende Tage ohne Dialyse. „Die Studie untersuchte erstmals prospektiv und randomisiert, welche Strategie geeignet sein könnte, um eine Dialyse in einem akuten Setting wieder zu beenden“, erklärt Prof. Kielstein.
„Und die Studie zeigt: Die Nierenfunktion springt schneller wieder an, wenn man einmal beherzt stoppt – und wenig verwunderlich, es war insgesamt weniger Dialyse notwendig.“ In der Interventionsgruppe erholte sich die Nierenfunktion bei 64 % der Betroffenen bis zur Entlassung aus der Klinik, in der konventionellen Gruppe bei 50 % – ein Unterschied von 13,8 % (p=0,04; Odds Ratio [OR] 1,56).
Zudem benötigten die Personen in der konservativen Gruppe deutlich weniger Dialysesitzungen pro Woche (median 1,8 vs. 3,1) und hatten längere dialysefreie Intervalle (21 vs. 5 aufeinanderfolgende Tage bis Tag 28). Dialyseassoziierte Hypotonien traten ebenfalls seltener auf (69 vs. 97 Ereignisse).
Studie liefert Guidance angesichts fehlender Regeln
„Bislang gab es keine Interventionen, die die Nierenerholung bei dialysepflichtiger AKI nachweislich verbesserten“, schreiben die Studienautoren um Dr. Liu. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine konservative Dialysestrategie die Erholung der Nierenfunktion beschleunigen kann und insgesamt weniger Dialyse erforderlich macht.“
Prof. Kielstein weist darauf hin, dass ein solches Vorgehen vermutlich auch heute schon vereinzelt in Deutschland praktiziert werde – „einfach, weil es bislang keine klaren Regeln gibt“. Die neue S3-Leitlinie „Nierenersatztherapie in der Intensivmedizin“ von April 2025 konnte die Ergebnisse von LIBERATE-D noch nicht berücksichtigen.2
In den deutschen Empfehlungen stehen als Kriterien für das Fortführen einer Nierenersatztherapie ein hohes Kalium, eine metabolische Azidose und natürlich eine relevante Flüssigkeitsüberladung. „Diese Punkte passen grundsätzlich zur konservativen Strategie der Studie“, so Prof. Kielstein. „Die Kernbotschaft ist: Entscheidend ist nicht ein einzelner Laborwert, sondern die Zusammenschau aus klinischem Zustand und Laborparametern.“
Sein Fazit: „LIBERATE-D liefert wichtige Hinweise, dass es sich lohnen kann, die Dialyse gezielt zu pausieren – und zeigt, wann eine erneute Dialyse tatsächlich notwendig wird.“
Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Medscape.de.