Aktuelle Leitlinien empfehlen eine langsame Korrektur mit maximal 8 mmol/l/Tag, um ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom (ODS) bei Menschen mit Risikofaktoren zu vermeiden; hierzu gehören: 1
- Ausgangs-Natriumspiegel von ≤ 105 mEq/l
- Alkoholmissbrauch
- Unterernährung
- fortgeschrittener Lebererkrankung
- Hypokaliämie
- Hypophosphatämie
Für Personen mit durchschnittlichem Risiko werden höhere Korrekturraten (10–12 mmol/l/Tag) empfohlen. Jüngste Studien deuten jedoch darauf hin, dass das ODS äußerst selten auftritt und eine schnelle Korrektur mit einer geringeren Mortalität verbunden sein könnte.
„Dies ist ein klinisch sehr relevantes Thema, das aufgrund neuer Studien kontrovers diskutiert wird. Diese stellen unser bisheriges Verständnis davon, mit welchen Risiken eine rasche Korrektur einhergeht, infrage“, erklärte Dr. med. Juan Carlos Q. Velez, Professor für Medizin und kommissarischer Leiter der Nephrologie bei Ochsner Health in New Orleans (USA), in einem Interview im Vorfeld der Debatte.
Dr. med. Helbert Rondon Berrios, Professor für Medizin in der Abteilung für Nieren- und Elektrolytmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Pittsburgh (USA), vertrat eine vorsichtigere Haltung und erklärte: „Die Kontroverse, die bis in die frühen 1980er Jahre zurückreicht, wurde durch diese jüngsten Studien wiederbelebt. Doch die meisten Studien weisen gravierende methodische Mängel auf. Wir vertreten den Standpunkt, dass es bestimmte Menschen gibt, bei denen wir bei der Korrektur Vorsicht walten lassen müssen. “
PRO: Schnelle Korrektur bei Personen mit geringem ODS-Risiko
Prof. Velez ergriff bei der Diskussion als Erster das Wort und sprach sich für eine schnelle Korrektur bei Menschen aus, bei denen das ODS-Risiko gering ist. „Das Tempo der Korrektur einer chronischen Hyponatriämie bereitet Ärztinnen und Ärzten Sorgen. Ich würde behaupten, dass die Morbidität einer symptomatischen Hyponatriämie oft unterschätzt wird“, sagte er. Die meisten Nephrologie-Fachleute hätten noch nie ein ODS beobachtet, wenn keine Risikofaktoren wie Alkoholmissbrauch oder Unterernährung vorlagen. Zudem gebe es keine Belege aus randomisierten kontrollierten Studien, die zeigen, dass eine langsame Korrektur ein ODS verhindert oder die Überlebensrate verbessert, argumentierte er.
Im Jahr 1986 berichtete ein im New England Journal of Medicine veröffentlichter Artikel, dass 12 % von 60 Menschen mit Hyponatriämie, deren Werte mit einer Geschwindigkeit von mehr als 12 mmol/l/Tag korrigiert wurden, ein ODS entwickelten.2 Allerdings wurde bei nur der Hälfte von ihnen eine radiologische Untersuchung durchgeführt. Zudem stand zur Zeit der Studie nur eine Computertomografie (CT) zur Verfügung – keine Magnetresonanztomografie (MRT). „Wir können das also nicht beurteilen“, sagte Prof. Velez.