Die Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr gilt seit Jahrzehnten als der unangefochtene Eckpfeiler der sekundären Harnsteinprophylaxe. Die physiologische Rationale dahinter: Durch eine konsequente Verdünnung des Urins soll die kritische Übersättigung steinbildender Salze wie Calciumoxalat, Calciumphosphat oder Harnsäure verhindert werden. Aktuelle Leitlinien der urologischen Fachgesellschaften (AUA und EAU) empfehlen daher eine tägliche Flüssigkeitsaufnahme, die zuverlässig zu einem Urinvolumen von mindestens 2,5 Litern führt.
In der täglichen klinischen Praxis scheitern jedoch viele Patienten an dieser vermeintlich einfachen Vorgabe. Barrieren wie mangelndes Durstgefühl, Zeitmangel oder die schlichte Vergesslichkeit führen dazu, dass die durchschnittliche Steigerung des Urinvolumens nach einer konventionellen ärztlichen Beratung oft nur magere 300 ml pro Tag beträgt. Hier setzte die PUSH-Studie1 (Prevention of Urinary Stones with Hydration) an. Das Ziel war es, durch eine technologisch gestützte, Verhaltensintervention eine dauerhaft hohe Hydratation zu garantieren, um die Rezidivrate klinisch relevant zu senken.
An sechs akademischen Zentren in den USA wurden insgesamt 1.658 Teilnehmer mit Harnsteinanamnese und einem initial niedrigen 24-Stunden-Urinvolumen rekrutiert. Die Interventionsgruppe erhielt ein umfassendes Programmpaket:
Die Kontrollgruppe bekam hingegen die übliche klinische Versorgung inklusive der Empfehlung, 2,5 Liter Urin zu produzieren. Auch sie erhielten eine smarte Trinkflasche, jedoch ohne die motivierenden Zusatzfeatures. Der primäre Endpunkt war das Auftreten eines symptomatischen Steinrezidivs.
Nach sechs Monaten lag die Zunahme der täglichen Trinkmenge in der Interventionsgruppe bei durchschnittlich 600 ml gegenüber 360 ml in der Kontrollgruppe. Dieser Unterschied blieb über den gesamten Zeitraum von zwei Jahren statistisch signifikant. Nach zwei Jahren hatten 18,6 % der Teilnehmer in der Interventionsgruppe und 19,8 % in der Kontrollgruppe ein erneutes symptomatisches Steinereignis erlitten. Die Hazard Ratio lag bei 0,96, was bedeutet, dass kein statistisch signifikanter Unterschied in der Rezidivrate zwischen den Gruppen bestand. Auch bei den sekundären radiologischen Outcomes, wie dem Neuauftreten von Steinen oder dem Wachstum bestehender Konkremente in der CT-Kontrolle, zeigten sich keine Vorteile für die intensiv betreute Gruppe.
Ein wesentlicher Aspekt könnten die "urologischen Nebenwirkungen" der hohen Trinkmenge sein. Die Interventionsgruppe berichtete signifikant häufiger über störende Symptome wie massiven Harndrang, Pollakisurie und Nykturie – Symptome, die besonders in den Phasen mit der höchsten Trinkmenge auftraten. Diese Begleiterscheinungen könnten die dauerhafte Adhärenz im Alltag massiv unterminiert haben, da die Patienten die erhöhte Flüssigkeitszufuhr als Belastung ihrer Lebensqualität empfanden, resümieren die Autoren. Für den Hausarzt bedeutet dies, dass die pauschale Empfehlung "viel trinken" zwar korrekt bleibt, aber bei weitem nicht die gewünschte Wirkung zeigt.