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CKD: eine unterschätzte Volkskrankheit
Schätzungen zufolge sind in Deutschland rund 10 Millionen Menschen von einer CKD betroffen. Doch man geht davon aus, dass rund zwei Drittel nichts von ihrer Erkrankung wissen, so Prof. Weinmann-Menke, Direktorin der Klinik für Nephrologie, Rheumatologie, Nierentransplantation am Universitätsklinikum Mainz und Ko-Tagungspräsidentin des diesjährigen DGfN-Kongresses. „Das ist das erste Problem bei dieser Erkrankung: Man merkt sie nicht“, warnte die Nephrologin. Doch auch wenn erstmal keine Beschwerden auftreten, hat der Funktionsverlust der Niere gravierende Folgen: Menschen mit CKD haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene andere Erkrankungen, und bestehende Erkrankungen, beispielsweise eine Atherosklerose, schreiten schneller voran. In der Folge ist die Mortalität von CKD-Betroffenen erhöht.
Die große Bedeutung der CKD hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannt; sie verabschiedete im Mai 2025 eine Resolution, in der sie die CKD als globale Volkskrankheit anerkannt hat. Prof. Weinmann-Menke begrüßte diese Entscheidung der WHO und versprach sich davon für Deutschland eine politische Wirksamkeit, beispielsweise in der Form von Vorsorgeprogrammen und Aufklärungsprogrammen zur Sensibilisierung der Bevölkerung für diese Erkrankung.
Was sich geändert hat – und sich noch ändern muss
Prof. Weinmann-Menke wies auch darauf hin, dass es in der Vergangenheit nicht viele therapeutische Optionen zur Behandlung der CKD gab. Im Wesentlichen wurde die Therapie von Komorbiditäten wie Hypertonie oder Diabetes optimiert, und man wähnte die CKD auf diese Weise mitbehandelt. Mittlerweile gibt es jedoch spezifische Therapien, die auf die Behandlung der Niere ausgerichtet sind und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können. „Jetzt gilt es daher, die chronische Nierenkrankheit zu erkennen“, so Prof. Weinmann-Menke. „Denn das Erkennen der chronischen Nierenkrankheit ist entscheidend, um die CKD gut behandeln zu können und Betroffene davor zu schützen, dialysepflichtig zu werden oder Komorbiditäten zu entwickeln.“
„In Deutschland weiß nur ein Drittel der Betroffenen, dass sie nierenkrank sind, und von diesen sind nur rund zwei Drittel in ärztlicher Behandlung. Da ist also noch ganz viel Spielraum – und wir könnten diese Patientinnen und Patienten deutlich besser abholen und behandeln, wenn wir wüssten, dass sie chronisch nierenkrank sind.“
Prof. Julia Weinmann-Menke, Universitätsmedizin Mainz
Serumkreatinin und UACR werden zu selten bestimmt
Um eine CKD zu erkennen, muss man aktiv danach suchen. Und das ist leider oft nicht der Fall: „Wir wissen aus einer in Deutschland durchgeführten Studie, dass bei Risikopatientinnen und -patienten – also solchen, die Diabetes mellitus oder Bluthochdruck haben oder die kardiovaskulär erkrankt sind – bei weniger als der Hälfte nach der Nierenfunktion geguckt wird.“
Doch die Nierenfunktion, die in der von der Nephrologin zitierten InspeCKD-Studie anhand des Serumkreatinins beurteilt wurde, ist nur ein Parameter für die Diagnose einer CKD – der andere ist die Albuminurie. Diese sollte mittels Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) beurteilt werden. „Doch ein solcher Test wird bei weniger als 1 % der Personen in dieser Risikogruppe gemacht“, so Prof. Weinmann-Menke.
Wen auf CKD screenen?
Die DGfN empfiehlt, bei Risikopatientinnen und -patienten regelmäßig die Nierenfunktion zu überprüfen, und zwar nicht nur anhand des Serumkreatinins und der darauf basierenden geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR), sondern auch anhand der UACR. Zur Risikogruppe zählen insbesondere Personen mit Hypertonie, Diabetes mellitus und anderen Vorerkrankungen ebenso wie solche mit stattgehabtem Nierenversagen, Personen mit Übergewicht und Personen mit positiver Familienanamnese für Nierenerkrankungen.
Zudem setzt sich die DGfN dafür ein, dass die gesetzlichen Krankenkassen zukünftig die Kosten für die Messung der Nierenfunktionsparameter auch im Rahmen eines allgemeinen Gesundheits-Check-ups übernehmen. „Aus nephrologischer Sicht sollte ganz sicher ein Screening auf CKD erfolgen“, so Prof. Weinmann-Menke. Doch ab welchem Alter wäre ein solches Screening sinnvoll? „Wir können uns sehr gut vorstellen, dies in einen Check-up 35 oder Check-up 45 zu integrieren“, erklärte die Nephrologin.
Wer soll das bezahlen?
Bislang sind diese Nierenfunktionsparameter jedoch noch nicht Teil eines Check-ups und es gibt dafür auch noch keine Ausnahmeziffer, sodass sie, wenn sie nicht indikationsbezogen mit der richtigen Kodierung abgerechnet werden können, ins reguläre Laborbudget fallen – entsprechend gibt es gerade bei der UACR eine relevante Budgetproblematik. „Das Kreatinin ist ein sehr billiger Parameter, aber die Albuminuriebestimmung kostet um die 3 Euro – das ist natürlich relevant“, räumte die Nephrologin ein.
„Es braucht eine adäquate Bezahlung: Die Albuminuriebestimmung muss abrechenbar sein und hier ist das Ziel eine Ausnahmeziffer, damit Hausärztinnen und -ärzte mittels Kreatinin und Albuminurie rasch bestimmen können, ob jemand chronisch nierenkrank ist oder nicht, um dann alles weitere in die Wege leiten zu können.“
Prof. Julia Weinmann-Menke, Universitätsmedizin Mainz
Betroffene vor Dialyse und Transplantation bewahren
Eine frühzeitige Diagnose ist eine wesentliche Voraussetzung, um schnell eine CKD-Therapie einleiten zu können. Das Ziel: das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen (und zukünftig womöglich sogar ganz verhindern) und so die Betroffenen vor einem Nierenversagen und der Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie, d.h. Dialyse und Transplantation, zu bewahren – und auch vor Komorbiditäten wie einem Myokardinfarkt.
Neue Optionen: SGLT2-Hemmer, nsMRA, GLP1-RA & Co.
Hinsichtlich der therapeutischen Möglichkeiten hat sich in den letzten Jahren einiges getan – vor allem seit in Diabetes- und Herzinsuffizienz-Studien nephroprotektive Effekte durch SGLT2-Inhibitoren nachgewiesen wurden. „Daraus ist eine Art Kettenreaktion entstanden und plötzlich wurden Studien aufgesetzt, deren primärer Endpunkt die Nierenfunktion war – unabhängig von Diabetes & Co.“, erklärte Prof. Weinmann-Menke. Als „Durchbruch“ bezeichnete sie die Studien DAPA-CKD und EMPA-Kidney.
Seitdem herrscht ihrer Ansicht nach eine Aufbruchstimmung – mit neuen Studien und neuen Wirkstoffklassen, darunter sowohl die nichtsteroidalen Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten (nsMRA) als auch die Endothelin-Rezeptorantagonisten, die GLP1-Analoga und die Aldosteron-Synthasehemmer. Untersucht werden auch die Kombinationen aus diesen Therapien. Dies alles ist aus Sicht von Prof. Weinmann-Menke eine sehr erfreuliche Entwicklung: „Hier können wir wirklich frohlocken, dass wir mehr für unsere Patientinnen und Patienten tun können – und sie vielleicht auch sehr individualisiert und spezifisch entsprechend der Komorbiditäten behandeln können.“
Rolle der „Abnehmspritze“ bei CKD
Gerade die GLP1-Analoga, darunter Semaglutid, und deren Weiterentwicklungen sorgen aufgrund ihrer Verwendung als „Abnehmspritzen“ regelmäßig für Schlagzeilen. Doch Prof. Weinmann-Menke zeigte sich überzeugt, dass sie auch ihren Stellenwert in der Nephrologie haben werden, da sie in Studien eine nephroprotektive Wirkung unter Beweis gestellt haben. Es gebe jedoch einen Haken: „Sie sind derzeit ausschließlich für die Behandlung eines nicht ausreichend eingestellten Diabetes mellitus Typ 2 und für die Adipositas-Therapie zugelassen, nicht jedoch für die Behandlung der chronischen Nierenkrankheit.“ Studiendaten müssten ihrer Ansicht nach außerdem noch belegen, inwiefern die GLP1-Analoga über beispielsweise eine Gewichtsreduktion hinaus spezifisch nephroprotektiv sind. Es bleibt also abzuwarten, ob sie zukünftig als Add-on für die CKD-Therapie zugelassen werden.
Eines der Hot Topics beim diesjährigen Nephrologie-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) ist die chronische Nierenkrankheit (CKD). Prof. Julia Weinmann-Menke fasste zusammen, woran es bei der frühen Erkennung noch hapert und was sich bei der Therapie geändert hat.1
13.10.2025Lesedauer: ca. 5 MinutenVon: Dr. Annukka Aho-Ritter
Bei der frühen Erkennung der chronischen Nierenerkrankung gibt es noch Nachholbedarf.