Chronische Nierenkrankheit: Sind Sie bereit für die Zeitenwende?
CKD: ein „echter Killer“
Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 9–13 Millionen Menschen von einer chronischen Nierenkrankheit (CKD) betroffen. Es handelt sich dabei also um eine echte Volkskrankheit. Während die CKD 2016 noch Platz 16 der häufigsten Todesursachen belegte, war es 2023 bereits Platz 9 – und aktuelle Vorhersagen gehen davon aus, dass es 2040 bereits Platz 5 sein wird. Prof. Dr. Thorsten Feldkamp vom Nephrologischen Zentrum Rendsburg-Eckernförde fasste die Situation beim CKD-Symposium prägnant zusammen. „Die CKD ist ein echter Killer.“ Die Gefährlichkeit der Erkrankung ist dem Nephrologe zufolge den Betroffenen aber nur selten bewusst:
„Die Leute wissen gar nicht, was für einem Risiko sie eigentlich ausgesetzt sind.“
Thorsten Feldkamp, Prof. Dr., Nephrologisches Zentrum Rendsburg-Eckernförde
eGFR-Verlust im Alter: normal oder gefährlich?
Dass die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) mit dem Alter abnimmt, ist bekannt. Doch bis zu welchem Grad ist das eine normale physiologische Reaktion und wann wird es kritisch? Prof. Feldkamp stellte zu dieser wichtigen Frage die Ergebnisse einer schwedischen Kohortenstudie2 vor, in der die Daten von mehr als 1 Million Personen im Alter von 40 bis 100 Jahren ausgewertet wurden. Es zeigte sich, dass die mediane eGFR bei 80-Jährigen sowohl bei Frauen wie bei Männern bei ca. 70 ml/min/1,73 m2 lag. Ein erhöhtes Risiko, dialysepflichtig zu werden, bestand geschlechterunabhängig ab einer eGFR von ca. 56 ml/min/1,73 m2; ab diesem Wert stieg zudem das Mortalitätsrisiko. „Das ist gar nicht so weit weg von der 60, und das ist ja eine magische Zahl in der Nephrologie“, so Prof. Feldkamp. Ein übermäßiger GFR-Verlust im Alter ist also keineswegs normal, sondern prognostisch relevant.
Diagnostik: eGFR plus Albuminurie – und darüber hinaus
Mit eben jener „magischen Zahl“ begann Prof. Dr. Sylvia Stracke von der Universitätsmedizin Greifswald ihren Vortrag, also sie die Definition der CKD vorstellte: Gemäß dieser Definition handelt es sich bei einer CKD um funktionelle oder strukturelle Abweichungen der Nierenfunktion, die > 3 Monate anhalten. Dabei gelten folgende Grenzwerte:
eGFRKreatinin 60 ml/min (=85 L/Tag)
Albuminurie 30 mg/g (=30 mg/Tag)
Dem aktuellen Klassifikationssystem zufolge gibt es 5 GFR-Kategorien (G1 bis G5) und 3 Albuminurie-Kategorien (A1 bis A3). Eine CKD kann diesem Klassifikationssystem zufolge auch bei normaler GFR vorliegen Aus Sicht von Prof. Stracke ist daher die Albuminurie-Messung essenziell – am besten mittels UACR (urine albumine-to-creatinine ratio): „Misst man die UACR nicht, weiß man nicht, ob eine CKD vorliegt – und man kann auch keine Stadieneinteilung machen. Das wurde schon 2011 publiziert – und wir haben jetzt 2026 und noch immer wird die UACR nicht gemessen.“ Dass die UACR-Messung hierzulande nur in einem Bruchteil der Fälle vorgenommen wird, zeigen beispielsweise Daten der InspeCKD-Studie3, die untersuchte, welche CKD-Diagnostik Risikopersonen in der hausärztlichen Versorgung in Deutschland erhalten. Das ernüchternde Ergebnis: Während bei 46 % mindestens einmal im Jahr die eGFR bestimmt wurde, erfolgte nur bei 8 % ein Harnstreifentest auf Mikroalbuminurie und nur bei 0,4 % wurde die UACR gemessen.
Neben GFR und Albuminurie gehört zur Diagnostik aber noch mehr, nämlich die Abklärung der Ursache. Die häufigsten sind der Nephrologin zufolge Diabetes und Bluthochdruck. Darüber hinaus gilt es, die Komorbiditäten zu erfassen und auch, ob die betroffene Person ein Transplantat erhalten hat.
Bei wem ist ein Screening sinnvoll?
Es scheint aktuell weltweit viel politischen Willen zu geben, die Früherkennung und Prävention von CKD in den Fokus zu rücken: Bereits im Januar 2024 hatte die European Kidney Health Alliance (EKHA) ein „Kidney Manifesto“ veröffentlicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dann im Mai 2025 in einer Resolution CKD als globale Volkskrankheit anerkannt und die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) forderte im August 2025 als Reaktion auf die WHO-Resolution einen Nationalen Nierenplan für Deutschland. Im Dezember 2025 haben dann die Vereinten Nationen in einer Deklaration zum ersten Mal CKD explizit in ihrer globalen Agenda für nicht-übertragbare Erkrankungen aufgenommen.
Aktuelle Leitlinien empfehlen ein Screening bislang nur bei Personen mit CKD-Risikofaktoren; die häufigsten sind Bluthochdruck, Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen und ein vorausgegangenes akutes Nierenversagen. Das sind jedoch nicht die einzigen Risikofaktoren; auch zum Beispiel Multisystemerkrankungen, iatrogene bzw. therapieassoziierte Nierenschädigungen, familiäre Belastung und berufliche Exposition können das CKD-Risiko erhöhen. Prof. Stracke sprach sich zudem dafür aus, Frauen und frauenspezifische Risikofaktoren wie schwangerschaftsassoziierte Komplikationen besonders zu berücksichtigen.
Wen wann überweisen?
Als Hilfestellung für die Beantwortung der Frage, in welchen Fällen in die Nephrologie überwiesen werden sollte, stellte Prof. Stracke die Kidney-Failure-Risk-Equation vor. Auf dieser beruht der deutschsprachige Risikokalkulatur „Risiko Nierenversagen“, der unter https://www.risiko-nierenversagen.de verfügbar ist. Nach der Eingabe von Geschlecht, Alter, eGFR und UACR berechnet der Risikokalkulator nicht nur das CKD-Stadium, sondern auch das 2- und 5-Jahresrisiko für Dialysepflichtigkeit. Ab einem 5-Jahresrisiko von 3 % sprach sie sich dafür aus, Betroffene an eine Nephrologin bzw. einen Nephrologen zu überweisen. Hausärztinnen und Hausärzte sind aber weiterhin für die Therapie wichtig:
„Viele der Grunderkrankungen der CKD können – bei einem niedrigen Risiko-Score – in der hausärztlichen Praxis behandelt und überwacht werden.“
Sylvia Stracke, Prof. Dr., Universitätsmedizin Greifswald
Paradigmenwechsel in der Therapie
Prof. Dr. Frank Strutz vom Nierenzentrum Wiesbaden stellte abschließend die Therapieoptionen bei CKD vor. Hier hat es in den letzten Jahren große Fortschritte gegeben: „Das Wort Paradigmenwechsel wir ja dieser Tage überstrapaziert, auch in der Politik. Da heißt es dann `Paradigmenwechsel`, und dann passiert doch relativ wenig. Aber hier in der Nephrologie passiert tatsächlich eine ganze Menge.“ Den Anfang machten dabei die SGLT2-Inhibitoren, darunter Canagliflozin, Dapagliflozin und Empagliflozin: „Die SGLT2-Hemmer haben die Therapie der CKD revolutioniert“, so Prof. Strutz.
Ein weiterer neuer Wirkstoff zur Behandlung der CKD ist der nichtsteroidale Mineralokortikoidrezeptorantagonist Finerenon. Dieser darf bislang allerdings nur bei Menschen mit Diabetes eingesetzt werden kann; zu einer Zulassungserweiterung könnte es aus Sicht des Wiesbadener Nephrologen kommen, wenn die Ergebnisse der noch laufenden FIND-CKD-Studie positiv ausfallen. Weitere neue Wirkstoffe wie der GLP-1-Rezeptoragonist Semaglutid haben das Spektrum an CKD-Therapiemöglichkeiten noch erweitert, auch wenn diese aktuell nur für die Behandlung von Diabetes zugelassen sind. Und ein Ende der neuen Behandlungsmöglichkeiten ist noch nicht in Sicht, denn weitere neue Wirkstoffe wie Baxdrostat werden derzeit in klinischen Studien untersucht. Die veränderte Therapielandschaft hat dafür gesorgt, dass heute nicht mehr nur eine Verzögerung der Progression das Ziel, sondern dass sogar eine Remission möglich erscheint.
Es geht nur gemeinsam
Der zu erwartende Anstieg der CKD-Fälle aufgrund des demografischen Wandels stellt die Nephrologie vor große Herausforderungen, so Prof. Strutz. Er warb daher bei den Teilnehmenden des Kongresses für eine stärkere Zusammenarbeit:
„Die Nephrologie kann dem Anspruch nur im Team mit der Allgemeinmedizin und der Innern Medizin gerecht werden.“
Frank Strutz, Prof. Dr., Nierenzentrum Wiesbaden
Hierzu gehört auch, dass aus seiner Sicht die Therapie mit SGLT2-Hemmern – und bei diabetischer Nierenerkrankung auch mit Finerenon – bereits im hausärztlichen Setting sinnvoll ist.
Chronische Nierenkrankheit: Sind Sie bereit für den Paradigmenwechsel?
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