Fehler Nr. 1: Die Blutdruckmessung in der Praxis bevorzugen
Wenn Patientinnen und Patienten zu Hause selbst ihren Blutdruck messen, hat dies zahlreiche Vorteile, so Prof. Ami Schattner, Autor des Übersichtsartikels und langjähriger Professor für Medizin in Jerusalem. Die Messung erfolgt in einer entspannteren, weniger stressigen Umgebung, es lassen sich leicht mehrere Messwerte im zeitlichen Verlauf erheben (zum Beispiel 2-mal täglich für 1 Woche) und die Selbstmessung fördert die Eigenverantwortung, das Wissen über die Erkrankung und das Selbstmanagement der Betroffenen.
Fehler Nr. 2: Die korrekte Technik bei der Blutdruckmessung vernachlässigen
Eigentlich ist klar, was es bei der Blutdruckmessung zu beachten gilt:
- Die Messung sollte vor der Einnahme von Medikamenten erfolgen und frühestens 2 Stunden nach dem Aufwachen.
- Die Patientin oder der Patient sollte entspannt sein, ruhig sitzen und den Arm auf dem Tisch ablegen.
- 3 Messungen sollten jeweils im Abstand von 1 Minute durchgeführt werden, wobei das Ergebnis der 1. Messung verworfen wird.
Doch in der Praxis werden diese Empfehlungen nicht immer konsequent eingehalten, was die Messwerte verfälschen kann.
Fehler Nr. 3: Nicht den nächtlichen Blutdruckverlauf prüfen
Wenn der normale nächtliche Blutdruckabfall („Dipping“) ausbleibt, stellt dies einen starken unabhängigen kardiovaskulären Risikofaktor dar, der auf eine behandelbare Erkrankung wie obstruktive Schlafapnoe hinweisen kann. Dafür ist jedoch eine 24-Stunden-Blutdruckmessung erforderlich, weshalb bei manchen Patientinnen und Patienten dieser Risikofaktor unerkannt bleibt.
Fehler Nr. 4: Jeden Bluthochdruck als primäre Hypertonie einstufen
Die sekundäre Hypertonie hat zwar nur eine Prävalenz von < 10 %, trotzdem sollte sie bei allen Menschen mit Bluthochdruck erwogen werden, da die Ursachen potenziell reversibel sind und die Diagnose therapeutische Konsequenzen hat.
Fehler Nr. 5: Nicht gezielt nach Endorganschäden suchen
Bluthochdruck kann unerkannte Auswirkungen auf zahlreiche Organe haben, darunter
- Herz: linksventrikuläre Hypertrophie, Vergrößerung des linken Vorhofs, diastolische Dysfunktion, paroxysmales Vorhofflimmern
- Gehirn: zerebrale Mikroangiopathien, lakunäre Infarkte
- Nieren: Albuminurie, eingeschränkte glomeruläre Filtrationsrate
- Arterien: stille atherosklerotische Plaques
Werden solche Zielorganschäden entdeckt, beeinflusst dies sowohl die Prognose als auch die Therapie (z. B. Antikoagulanzien, SGLT2-Hemmer, MRAs, Lipidsenker).
Fehler Nr. 6: Veränderungen der Hypertonie nicht abklären
Wenn eine vormals stabile Hypertonie sich rasch verschlechtert oder verbessert, ist es wichtig, den Grund abzuklären, d. h. beispielsweise eine neu hinzugekommene sekundäre Ursache oder eine Abnahme des Herzzeitvolumens auszuschließen.
Fehler Nr. 7: Lebensstilmodifikationen vernachlässigen
Es ist leichter gesagt als getan, aber: Ernährungspläne wie die DASH-Diät mit reduzierter Natriumaufnahme, Gewichtsreduktion, regelmäßige körperliche Aktivität und höchstens moderater Alkoholkonsum sind äußerst wirksame Maßnahmen, um den Blutdruck zu senken. Zudem haben sie nachweislich positive Auswirkungen auf andere wichtige metabolische und kardiovaskuläre Risikofaktoren – und das ganz ohne unerwünschte Nebenwirkungen.
Fehler Nr. 8: Vorzeitig eine weitere Wirkstoffklasse hinzunehmen
Eine Monotherapie ermöglicht zwar nur bei weniger als 10 % der Betroffenen eine adäquate Blutdruckkontrolle, doch mit der Anzahl der Medikamente steigt auch das Risiko für Neben- und Wechselwirkungen und die Adhärenz sinkt. Prof. Schattner spricht sich daher dafür aus, nach Initiierung einer Pharmakotherapie so lange zu warten, bis das Medikament seine volle Wirkung entfaltet; bei ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARB) ist dies meist erst nach 2 bis 4 Wochen der Fall. Zudem kann eine schrittweise Dosiseskalation bis zum Erreichen der maximalen (oder höchstmöglichen verträglichen) Tagesdosis aus seiner Sicht für Betroffene einfacher sein als die Hinzunahme eines zusätzlichen Medikaments.
Fehler Nr. 9: Die falsche Wirkstoffklasse verwenden
Typische Fehler bei der Wahl der Wirkstoffklasse sind beispielsweise:
- Die Behandlung mit einem Kalziumkanalblocker oder Thiazid-Diuretika beginnen, obwohl ACE-Hemmer oder ARB einen besseren Nierenschutz bieten.
- Einen Beta-Blocker verwenden, obwohl keine behandlungsresistente Hypertonie oder kardiale Indikation (z. B. paroxysmales Vorhofflimmern, reduzierte Ejektionsfraktion, Angina pectoris) vorliegt.
Fehler Nr. 10: Nützliche Wirkstoffklassen ungenutzt lassen
Einige potenziell hilfreiche Wirkstoffklassen werden aus Sicht von Prof. Schattner zu selten verordnet. Beispielsweise wird bei Personen mit benigner Prostatahypertrophie nicht immer die Gabe eines Alpha-Blockers wie Terazocin erwogen. Und auch bei Personen mit therapieresistenter Hypertonie gibt es wirksame Add-ons, die aber zu selten genutzt werden. Hierzu gehören beispielsweise die Mineralokortikoid-Rezeptoragonisten (MRA) und der zentralwirksame Alpha-Agonist Clonidin (in der geringstmöglichen Dosis, um Nebenwirkungen zu vermeiden).
Fehler Nr. 11: Bei Älteren höhere Zielwerte ansetzen
Bei älteren Patientinnen und Patienten ist die isolierte systolische Hypertonie nicht nur die häufigste Form von Bluthochdruck, sondern auch ein wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor, insbesondere für Schlaganfälle. Trotzdem werden zahlreiche Personen nicht ausreichend behandelt; zu den Gründen zählen therapeutische Trägheit, die Sorge vor Nebenwirkungen wie orthostatischer Hypotonie sowie Multimorbidität und Gebrechlichkeit, die in dieser Altersgruppe häufig vorkommen.
Fehler Nr. 12: Dringlichkeit mit einem Notfall verwechseln
Liegen keine Endorganschäden vor, lässt sich selbst ein deutlich erhöhter Blutdruck oral therapieren – und das ambulant. Trotzdem werden Betroffene häufig in Notaufnahmen überwiesen und stationär behandelt; dies verursacht hohe Kosten und belastet sowohl die Kliniken als auch die Betroffenen.