Dass Alkohol und Nikotin das kardiovaskuläre Risiko erhöhen, ist hinlänglich bekannt. Doch eine jüngst in der Fachzeitschrift BMJ Case Reports veröffentlichte
Kasuistik zeigt, dass auch Energydrinks, die sich gerade bei jüngeren Menschen großer Beliebtheit erfreuen, massiven Einfluss auf Herz und Kreislauf nehmen können.
1Schlaganfall und massiver Bluthochdruck – aber ansonsten gesund
Ein zuvor gesunder und fitter 50-Jähriger stellte sich aufgrund eines plötzlichen, linksseitigen Taubheits- und Schwächegefühls in einer Klinik vor. Er war Nichtraucher, trank keinen Alkohol und konsumierte keine Drogen. Bei der ansonsten unauffälligen körperlichen Untersuchung wurde ein Blutdruck von 254/150 mmHg gemessen.
Neurologisch bestand eine Hypästhesie der gesamten linken Körperseite. Ein positiver Finger-Nase-Versuch sowie eine Dysdiadochokinesie der oberen und unteren Gliedmaßen wiesen auf eine Kleinhirnschädigung hin. Bei der motorischen Untersuchung wurde ein leichter Drift des linken Arms bei normalen Sehnenreflexen festgestellt.
Während eine CT keine weiteren Befunde lieferte, ergab eine CT-Angiographie Anzeichen für fokale Spasmen in den Zerebralarterien. Eine MRT bestätigte zudem den Verdacht auf einen Schlaganfall im rechten Thalamus.
Alle weiteren Untersuchungen waren hingegen vollkommen unauffällig:
- routinemäßige Blutuntersuchungen
- Bluttests auf verschiedene Autoantikörper
- EKG und Langzeit-EKG
- Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader
- Kontrastechokardiographie der Halsschlagadern
- Ultraschalluntersuchung des Abdomens
- MR-Angiographie der Nieren und des Abdomens
- Bestimmung des Katecholaminspiegels im Urin
- Bestimmung des Plasma-Aldosteronspiegels sowie des Renin/Aldosteron-Verhältnisses
Verdacht auf ein reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom
Im Zusammenhang mit dem lakunären Schlaganfall im rechtsseitigen Thalamus zog das Behandlungsteam verschiedene Differenzialdiagnosen in Betracht, darunter ein Atherom der Karotiden oder des vertebrobasilären Systems, eine Kardioembolie aufgrund einer Arrhythmie oder eines Herzfehlers, eine Karotis- oder Vertebralisdissektion sowie eine Thrombophilie. Alle konnten jedoch aufgrund der unauffälligen Befunde mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Der Nachweis fokaler Spasmen im CT-Angiogramm führte schließlich zur Diagnose eines reversiblen zerebralen Vasokonstriktionssyndroms (RCVS).
Hypertonie trotz 5 Antihypertensiva
Der 50-Jährige erhielt eine multidisziplinäre Behandlung mit Physiotherapie und Ergotherapie. Die Sekundärprävention wurde mit einer 3-wöchigen dualen Thrombozytenaggregationshemmung (Aspirin 75 mg und Clopidogrel 75 mg 1× täglich) eingeleitet, gefolgt von einer unbefristeten Einnahme von Clopidogrel und Atorvastatin. Aufgrund seiner Hypertonie bekam der Mann Losartan und Amlodipin. Er verließ die Klinik 3 Tage nach der Aufnahme mit einem Blutdruck von 170/80 mmHg.
Innerhalb der folgenden 3 Monate erholte der Mann sich funktionell gut von seinem Schlaganfall, sein Blutdruck blieb mit 190 bis 230 mmHg allerdings besorgniserregend hoch. Die Medikation wurde deshalb innerhalb von 4 Wochen um 3 zusätzliche Antihypertensiva erweitert, aber auch die Kombination aus Amlodipin, Losartan, Indapamid, Bisoprolol und Doxazosin blieb ohne Erfolg.
Ursachenforschung: Sind 8 Energiedrinks täglich zu viel?
Eine erneute, detaillierte Anamnese ergab schließlich, dass der Mann durchschnittlich 8 Energydrinks, und damit etwa 1,2–1,3 g Koffein pro Tag, konsumierte – also das 3-fache der von den NICE-Guidelines empfohlenen maximale Tagesdosis.
Der Mann, der sich der potenziellen Risiken seiner exzessiven Koffeinzufuhr nicht bewusst gewesen war, stellte den Konsum daraufhin vollständig ein. Etwa 1 Woche später war sein Blutdruck auf 120–130 mmHg/80–84 mmHg gesunken, nach 3 Wochen konnte er alle Antihypertensiva vollständig absetzen und blieb auch in den folgenden 8 Jahren beschwerdefrei. Aus Sicht der Autorin und des Autors bestätigt diese Entwicklung den Verdacht, dass der übermäßige Konsum von Energydrinks maßgeblich zur Entwicklung der Hypertonie und des Schlaganfalls beigetragen hatte. Man müsse außerdem davon ausgehen, dass weitere Inhaltsstoffe wie Guarana, Taurin oder Ginseng sowie der hohe Zuckergehalt die Wirkung des Koffeins über mehrere Pathomechanismen potenzieren würden, darunter:
- Endotheliale Dysfunktion
- Verstärkte Thrombozytenaggregation
- Arrhythmien
- RCVS
- Posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom (PRES)
Fazit für die Praxis
Eine Hypertonie gilt als wichtigster Risikofaktor für ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle. Gerade bei jüngeren Menschen sei es deshalb wichtig, sich im Falle einer therapierefraktären Hypertonie gezielt nach dem Konsum von Energydrinks zu erkundigen, wenn andere mögliche Ursachen ausgeschlossen worden seien, so die Autorin und der Autor der Studie. Sowohl der akute als auch der chronische Verzehr könne das kardiovaskuläre Risiko und das Schlaganfallrisiko erhöhen, und dieser Effekt könne reversibel sein.