Auf der 92. Jahrestagung der DGK 2026 in Mannheim stellte Dr. Marco Witkowski vom Deutschen Herzzentrum der Charité Berlin im Vortrag „
Zucker oder Süßstoff: Vom Regen in die Traufe?“ im Rahmen der Session „Trends in der kardiovaskulären Prävention“ aktuelle Daten zu Zucker und Süßstoffen vor. In seinem Beitrag ordnet er ein verbreitetes Ernährungskonzept kritisch ein und beleuchtet mögliche kardiovaskuläre Auswirkungen vermeintlich sicherer Alternativen.
1Adipositas als Ausgangspunkt kardiovaskulärer Risiken
Die steigende Prävalenz von Adipositas stelle weltweit eine zentrale Herausforderung für die kardiovaskuläre Prävention dar. Darauf wies Dr. Witkowski zu Beginn seines Vortrags hin. Auch in Deutschland sei etwa jeder fünfte Erwachsene betroffen. Als wesentlichen Treiber benannte er den Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel mit zugesetztem Zucker. Diese Entwicklung unterstreiche die Notwendigkeit präventiver Strategien, die über individuelle Verhaltensänderungen hinausgehen.
Zucker und Gefäßschädigung: multifaktorielle Mechanismen
Ein übermäßiger Zuckerkonsum wirke sich nach Darstellung des Kardiologen auf mehreren Ebenen negativ aus. Insulinresistenz, entzündliche Prozesse und oxidativer Stress fördern die Entwicklung metabolischer Erkrankungen und beschleunigen vaskuläre Schäden. Auch ungünstige Effekte auf Lipidprofil und Blutdruck tragen zur erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität bei. Entsprechend unterstrich Dr. Witkowski die WHO-Empfehlung, die Aufnahme freier Zucker deutlich zu begrenzen.
Flüssiger Zucker als besonderer Risikofaktor
Besonders kritisch bewertete der Vortragende zuckerhaltige Getränke. Sie liefern große Energiemengen, ohne ein adäquates Sättigungsgefühl auszulösen. Dies begünstige eine unkontrollierte Kalorienzufuhr. Epidemiologische Daten zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Konsum solcher Getränke und der Entstehung eines Typ-2-Diabetes. Dabei seien nicht nur Softdrinks problematisch, sondern auch vermeintlich gesunde Optionen wie Fruchtsäfte, so Dr. Witkowski.
Präventionsstrategien: Steuerung und Kennzeichnung
Zur Reduktion des Zuckerkonsums stellte der Referent verschiedene Ansätze vor. Er verwies auf internationale Erfahrungen mit Zuckersteuern, etwa in Mexiko, wo insbesondere in sozioökonomisch benachteiligten Gruppen ein Rückgang des Konsums beobachtet wurde. Modellrechnungen legen nahe, dass sich daraus auch kardiovaskuläre Vorteile ergeben könnten. Ergänzend hob Dr. Witkowski die Bedeutung von Kennzeichnungssystemen wie dem Nutri-Score hervor, die sowohl Konsumenten als auch Hersteller zu gesünderen Entscheidungen anregen können.
Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe im Fokus
Vor dem Hintergrund der bekannten Risiken von Zucker erscheint der Einsatz von Süßstoffen und Zuckeraustauschstoffen zunächst als naheliegende Alternative. Doch genau diese Annahme stellte Dr. Witkowski infrage. Die Vorstellung, dass Süßungsmittel metabolisch inert seien, greife zu kurz, so Dr. Witkowski. Vielmehr gebe es zunehmend Hinweise auf komplexe Effekte, etwa über das Mikrobiom oder den Glukosestoffwechsel. Die breite Verwendung in vermeintlich gesunden Produkten trage zu einer unterschätzten Exposition bei.
Erythritol und andere Zuckeralkohole: Hinweise auf kardiovaskuläre Effekte
Besondere Aufmerksamkeit widmete Dr. Witkowski seiner eigenen Forschung zu Zuckeralkoholen wie Erythritol. In großen Patientenkohorten aus Nordamerika und Deutschland waren erhöhte Erythritolspiegel im Blut mit einem gesteigerten Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert. Dieser Zusammenhang bestand unabhängig von klassischen Risikofaktoren.
Experimentelle Untersuchungen zeigten zudem, dass Erythritol die Reaktivität von Thrombozyten erhöht und deren Aggregation fördert. Auch nach oraler Aufnahme erythritolhaltiger Getränke ließen sich Veränderungen der Plättchenfunktion nachweisen. Vergleichbare Befunde wurden auch für andere Zuckeralkohole wie Xylitol und Sorbitol berichtet. Diese Daten werfen nach Einschätzung des Kardiologen neue Fragen zur Sicherheit weit verbreiteter Süßungsmittel auf.
Konsequenzen für die klinische Praxis
Eine einfache Substitution von Zucker durch Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe stellt vor diesem Hintergrund keine nachhaltige Strategie dar. Neben strukturellen Maßnahmen wie Besteuerung und Kennzeichnung bleibt die individuelle Ernährungsumstellung zentral, insbesondere mit Blick auf die Reduktion der Gesamtzufuhr und den Umgang mit versteckten Quellen von Zucker und Süßungsmitteln.
Fragerunde: Diskussion und Einordnung
In der nachfolgenden Diskussion ging Dr. Witkowski zunächst auf frühere Hinweise zu einem möglichen Krebsrisiko durch Zuckerersatzstoffe ein, die sich insbesondere für Saccharin nicht bestätigt haben und heute als ausgeräumt gelten. Beim Thema Intervallfasten betonte er, dass klare kardiovaskuläre Vorteile noch nicht abschließend belegt seien, wohl aber eine verbesserte Insulinsensitivität durch Phasen niedriger Glukoseexposition.
Den Konsum von Süßstoffen bezeichnete er als schwer quantifizierbar, da diese häufig in verarbeiteten Lebensmitteln versteckt sind und von Konsumierenden oft unbemerkt aufgenommen werden. Die aktuell zunehmende wissenschaftliche Aufmerksamkeit erklärte er damit, dass Süßstoffe lange vor allem toxikologisch und metabolisch, nicht jedoch hinsichtlich kardiovaskulärer Effekte untersucht wurden. Regulatorische Konsequenzen aus seinen eigenen Studien gebe es bislang nicht, da hierfür weitere Evidenz, insbesondere aus randomisierten Studien, erforderlich sei.
Bezüglich möglicher Dosis-Wirkungs-Beziehungen verwies er auf experimentelle Hinweise für einen dosisabhängigen Effekt auf die Thrombozytenfunktion, ohne dass derzeit klare Schwellenwerte definiert werden können. Größere Expositionen, etwa über stark gesüßte Produkte, seien daher relevanter als gelegentliche geringe Mengen. Die Möglichkeit einer reversen Kausalität lässt sich statistisch berücksichtigen. Experimentelle Befunde deuten jedoch darauf hin, dass auch direkte Effekte auf Blutplättchen eine Rolle spielen und relativieren damit diese Erklärung.
Während Zucker eher langfristige Effekte habe, könnten für einige Süßstoffe auch akute Wirkungen eine Rolle spielen, wobei die Datenlage heterogen sei, so Dr. Witkowski. Häufiger Konsum xylithaltiger Kaugummis erscheine hingegen aufgrund der raschen Elimination von Xylitol weniger relevant im Vergleich zu stark gesüßten Lebensmitteln. Mit dieser Einordnung schloss der Referent die Fragerunde.