Gefährliche Vorurteile
„In puncto geschlechtersensibler Medizin befinden wir uns noch im Mittelalter.“ Mit diesen drastischen Worten beschreibt Prof. Dr. med. Petra-Maria Schumm-Draeger aus München den Status quo in Deutschland auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM)1. Obwohl seit Langem bekannt ist, dass sich Biologie, Hormonstatus, Symptomatik, Krankheitsverläufe und Therapieeffekte zwischen den Geschlechtern unterscheiden, bleibt diese Erkenntnis im klinischen Alltag vielfach folgenlos. Die Konsequenz ist eine riskante Unter- und Fehlversorgung, die bereits in der hausärztlichen Praxis beginnt und sich durch alle Ebenen der Inneren Medizin zieht, so die Münchner Expertin.
Trügerische Sicherheit
Besonders deutlich wird dies in der Diabetologie. Noch immer hält sich die Annahme, prämenopausale Frauen seien durch ihren Hormonstatus vor kardiovaskulären Ereignissen geschützt. Schumm-Draeger warnt jedoch vor dieser trügerischen Sicherheit. Entwickelt eine Frau vor der Menopause einen Diabetes mellitus Typ 2, geht dieser biologische Vorteil nahezu vollständig verloren. Kommen weitere Komponenten des metabolischen Syndroms hinzu, etwa Hypertonie oder Dyslipidämien, verschiebt sich das Risikoprofil dramatisch. Diese Frauen sind kardiovaskulär mindestens ebenso gefährdet wie Männer, häufig sogar stärker, mit entsprechend erhöhtem Letalitätsrisiko.
Defizitäre Leitlinien
In der Praxis werden betroffene Patientinnen dennoch oft nicht konsequent leitliniengerecht behandelt. Zielwerte für Blutdruck, Lipide oder HbA1c werden zu zögerlich eingestellt, weil das individuelle Risiko unterschätzt wird. Mit Eintritt in die Menopause verschärft sich die Situation zusätzlich. Der Wegfall der ovariellen Funktion geht mit einer ungünstigen Veränderung der Fettverteilung und des Lipidprofils einher. Beginnt diese Phase bereits auf dem Boden metabolischer Vorerkrankungen, potenziert sich das Risiko erheblich. Obwohl diese Zusammenhänge gut belegt sind, ist ein Paradigmenwechsel im Versorgungsalltag bislang ausgeblieben.
Risiko Adipositas
Hinzu kommt, dass Adipositas und Insulinresistenz bei jüngeren Frauen zwischen 30 und 35 Jahren deutlich zunehmen. Viele verlieren ihren kardiovaskulären Schutz damit lange vor der Menopause. Für die Allgemeinmedizin bedeutet dies, dass frühe Diagnostik sowie eine konsequente Prävention und Therapie in dieser Patientinnengruppe buchstäblich lebensentscheidend sind.
Datenlücke
Ein zentrales strukturelles Problem ist der sogenannte Gender Data Gap. Prof. Dr. med. Ute Seeland, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin, weist darauf hin, dass gängige epidemiologische Kennzahlen wie Mortalität und Morbidität ein verzerrtes Bild zeichnen. Zwar erkranken Männer häufiger an koronarer Herzkrankheit, für die Prognose ist jedoch die Letalität entscheidend – und hier sind Frauen klar benachteiligt. Daten aus der laufenden MONICA/KORA-Studie zeigen, dass die 30-Tage-Letalität nach einem stationär behandelten Herzinfarkt bei Männern etwa 18 Prozent beträgt, bei Frauen jedoch rund 30 Prozent. Dieses Ergebnis konnte bundesweit bestätigt werden: Frauen erleiden seltener einen Herzinfarkt, sterben aber signifikant häufiger daran. Wobei allerdings zu beachten ist, dass diese Patientinnen im Schnitt älter sind als die männlichen Vergleichspatienten.
„Weibliche“ Studien
Mitverantwortlich für diese Schieflage ist die Forschungsgeschichte. Weibliche Lebensphasen mit ausgeprägten hormonellen Veränderungen, etwa Pubertät oder Perimenopause, wurden in klinischen Studien lange systematisch ausgeklammert. Entsprechend detailliert ist unser Wissen über den männlichen Herzinfarkt, während die weibliche Pathophysiologie in diesen Phasen noch immer unzureichend verstanden ist. Seeland fordert daher mehr prospektive, randomisierte Studien, die Frauen in unterschiedlichen Lebensabschnitten gezielt einschließen.
Beispiel Skandinavien
Ein Blick nach Skandinavien zeigt, dass es auch anders geht. In Schweden ist geschlechtersensible Medizin akademisch fest verankert, unter anderem durch eigene Professuren. Gesundheitsdaten aus Prävention und Klinik werden systematisch und automatisiert erfasst und der Forschung zugänglich gemacht. Das Ergebnis sind messbar bessere klinische Resultate. In Deutschland hingegen erschweren Datenschutzauflagen und fragmentierte Systeme den Zugang zu relevanten Daten erheblich. So dauerte es nach Angaben Seelands rund ein Jahr, um überhaupt geschlechtsspezifische Letalitätsdaten für Deutschland zu erhalten.
Handlungsbedarf
Um diese Defizite zu überwinden, muss geschlechtersensible Medizin verbindlicher Bestandteil des Medizinstudiums und der Facharztweiterbildung werden. Gleichzeitig braucht es einen Wandel in der Forschung hin zu prospektiven Studien, die geschlechtsspezifische Unterschiede als primäre Endpunkte untersuchen. Perspektivisch sollte neben dem biologischen auch das soziokulturelle Geschlecht stärker berücksichtigt werden. Mithilfe sogenannter Gender-Scores lassen sich soziale Rollen, Belastungen und Lebensumstände systematisch erfassen. Gerade im höheren Lebensalter, wenn biologische Unterschiede an Bedeutung verlieren und soziale Faktoren dominieren, könnte dies einen entscheidenden Beitrag zu einer gerechteren und wirksameren Medizin leisten, so die Magdeburger Expertin Seeland.
Dr. med. Horst Gross
Dr. med. Horst Gross ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Er studierte Publizistik und Medizin und kam so zu seiner Nebentätigkeit als schreibender Arzt.