Dass Männer allgemein ein höheres Risiko für atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen (ASCVD) aufweisen als Frauen ist bekannt. Bislang fehlten allerdings Studien, die Geschlechtsunterschiede auf der Grundlage bekannter Risikoscores – wie etwa den Risikorechnern SCORE2 und SCORE2-OP der European Society of Cardiology (ESC) – in Deutschland untersucht haben.
Diese Lücke wird nun von einer Studie geschlossen, die PD Dr. Vera Oettinger vom Herzzentrum der Universität Freiburg und Team durchgeführt hatten. Erste Ergebnisse stellte die Kardiologin auf einer Posterpräsentation auf der 92. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim vor.1
„In den Mitgliedsländern der ESC sind kardiovaskuläre Erkrankungen die häufigste Todesursache mit 40 % bei den Frauen und 35 % bei den Männern, wobei die ischämische Herzerkrankung 33 % bei Frauen und 40 % bei Männern ausmacht“, berichtete Oettinger.
In ihre Studie bezogen Oettinger und Team insgesamt 142.101 Menschen im Alter von ≥ 40 Jahren ein (51,94 % Frauen, 48,06 % Männer). Im Durchschnitt waren die Frauen 54,41 Jahre und die Männer 53,85 Jahre alt. Ausgeschlossen wurden Menschen mit Myokardinfarkt, Angina pectoris, Schlaganfall und Diabetes mellitus.
Die Forschenden nutzten die Risikorechner
SCORE2 und SCORE2-OP um die Risikoprofile von Männern und Frauen zu vergleichen. Dabei wurde für Teilnehmer im Alter von 40 bis 69 Jahren der SCORE2 und ab 70 Jahren der SCORE2-OP verwendet. Von den Frauen waren 19,25 % Raucherinnen, von den Männern rauchten 21,31 %.
Viele Frauen, aber nur wenig Männer in der Niedrig-Risiko-Gruppe
SCORE2 (Systematic COronary Risk Evaluation) ist eine von der ESC entwickelte Punktebewertung für Personen im Alter von 40 bis 69 Jahren. Für Personen im Alter von 70 bis 89 Jahren wurde SCORE2-OP (Older Persons) entwickelt. Damit lässt sich das 10-Jahres-Risiko für tödliche und nicht-tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Personen ohne vorherige Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes anhand
- des Geschlechts,
- des Alters,
- des systolischen Blutdrucks,
- des Non-HDL-Cholesterins und
- des Raucherstatus abschätzen.
Der Score berücksichtigt allerdings weder familiäre Vorbelastung noch psychosoziale, inflammatorische oder genetische Risikofaktoren. Zudem ist seine Aussagekraft bei extrem ausgeprägten Einzelrisikofaktoren eingeschränkt.
In der vorgestellten Studie betrug das Ergebnis für SCORE2/SCORE2-OP für Frauen 3,96 % und bei Männern 6,86 %. „Schaut man sich die Kategorienverteilung bei Frauen und Männern an, fallen 59,30 % der Frauen in die Gruppe mit dem niedrig-bis-moderaten Risiko, bei den Männern sind es nur 15,26 %. In die Hochrisikogruppe fallen 37,01 % bei den Frauen und 60,36 % bei den Männern. Und in die Gruppe mit sehr hohem Risiko fallen 3,69 % der Frauen und 24,37 % der Männer“, berichtete Oettinger.
Auch der Blick auf die Risikoverteilung über die Jahre hinweg zeigt: in der jüngeren Altersgruppe der Frauen fallen sehr viele Teilnehmerinnen in die niedrig-bis-moderate Risikogruppe. In der höheren Altersgruppe werden mehr Frauen in die Hochrisikogruppe eingestuft und nur relativ wenige in die Gruppe mit dem sehr hohen Risiko. Bei den Männern sieht das deutlich anders aus – schon in jüngeren Jahren fallen nur wenige Männer in die niedrig-bis-moderate Risikogruppe.
SCORES wurden erstmals für Deutschland untersucht
„Relativ viele Männer waren bereits in jüngerem Alter in einem hohen Risikobereich, in den älteren Altersgruppen fallen dann sehr viele Männer in die Hochrisikogruppe“, erklärte Oettinger. „Bei dem Vergleich zwischen Männern und Frauen sieht man deutliche Unterschiede in der Risikoverteilung. Dabei weisen vor allem Männer ein höheres durchschnittliches Risiko auf und befinden sich insgesamt in einer höheren Risikogruppe“, fasste Oettinger die Ergebnisse zusammen.
Dass Männer ein höheres kardiovaskuläres Risiko aufweisen ist nicht neu – insofern bestätigt die SCORE2-Auswertung zwar bereits Bekanntes, sagt auch Oettinger. Doch die Studie liefert weitere Erkenntnisse. Erstmals wurden die Scores und damit auch ihre „Passgenauigkeit“ für Deutschland untersucht. Hinzu kommt: „Die Ergebnisse sind auch perspektivisch wichtig, weil man darauf aufbauend die entsprechenden Risikofaktoren besser erfassen kann und dann idealerweise – unter der entsprechenden Therapie – sogar in eine niedrigere Risikogruppe gelangen kann“, erklärte Oettinger.
Im nächsten Schritt wollen Oettinger und Team die Follow-up-Daten der Studienteilnehmer auswerten. „Aktuell liegen uns 5-Jahres-Daten vor, die wir für erste Anhaltspunkte nutzen werden. Die Risikoscores sind auf 10 Jahre berechnet, insofern wären die Ergebnisse nur eine Annäherung, aber ich denke, das ist trotzdem ein wichtiger Schritt“, schloss Oettinger.
Dieser Beitrag ist im Original erschienen bei Medscape.de.