Für die Metaanalyse werteten Forschende der
Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaboration 19 placebokontrollierte Studien zur Statintherapie mit über 120.000 Teilnehmenden und einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 4–5 Jahren aus. Dabei wurde für fünf Statinpräparate untersucht, inwieweit die auf den Beipackzetteln zusätzlich zu Muskelbeschwerden und leicht erhöhtem Diabetesrisiko angegebenen Nebenwirkungen tatsächlich auf die Einnahme der Medikamente zurückzuführen waren.
1Dabei stellte sich heraus, dass nur vier der 66 in den Beipackzettel aufgeführten möglichen Nebenwirkungen tatsächlich im kausalen Zusammenhang mit der Statineinnahme standen. Dies galt für
Auch hier war das jährliche zusätzliche Risiko sehr gering (< 0,1 %). Für alle anderen aufgeführten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, kognitive Einschränkungen, Depression, periphere Neuropathie, erektile und sexuelle Dysfunktion, Schlafstörungen, akutes Nierenversagen und interstitielle Lungenerkrankungen ließ sich der Zusammenhang nicht belegen.
Die fehlende Evidenz für die in der Gebrauchsinformation angegebenen potenziellen Nebenwirkungen betrifft nicht nur die Statine, sondern auch viele andere Medikamente. Ursache ist die gesetzliche Verpflichtung der Arzneimittelhersteller, alle bekannten möglichen Nebenwirkungen, die bei Einnahme eines Medikaments auftreten, in den Packungsbeilagen mit Häufigkeiten anzugeben. Da eine Kausalität hierbei nicht belegt sein muss, handelt es sich aber um Verdachts- und nicht um Beweisangaben.1
Der Nutzen der Statine bei der Prävention von Herzkreislauferkrankungen durch eine Senkung der Low-Density-Lipoprotein (LDL)-Spiegel im Blut ist dagegen sehr gut belegt. Sie gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten in Deutschland und erst 2024 hat der gemeinsamen Bundesausschuss im Rahmen des „Gesundes-Herz“-Gesetztes beschlossen, dass Statine schon bei einem geringen Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen eingesetzt werden können.1
Experten und Expertinnen sind sich einig, dass Statine zu den potentesten Medikamenten in der kardiovaskulären Prävention gehören und ein positives Nutzen-Risikoverhältnis aufweisen. Prof. Dr. Oliver Weingärtner von der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Jena weist darauf hin, dass nach 36 Monaten nur noch 21 % der Patientinnen und Patienten das initial verordnete Statin einnehmen. Die in den Beipackzetteln angegeben zahlreichen Nebenwirkungen tragen wesentlich dazu bei und führen zu großer Verunsicherung. Die vier im Zusammenhang mit den Statinen bestätigten Nebenwirkungen treten in der Regel gleich zu Beginn der Behandlung auf oder nie. Leberwerte sollten daher in den ersten Wochen kontrolliert werden.
Prof. Dr. Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig, schreibt in einem Statement zur Studie: „Statine gehören zu den am besten untersuchten Medikamenten. Langzeituntersuchungen belegen konsistent, dass das Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen wie Rhabdomyolyse (unter 0,1 %) oder Leberschäden (ungefähr 0,001 %) extrem gering bleibt und die Langzeiteinnahme keinen Anstieg von Krebs oder Demenz verursacht.“
Auch für Prof. Dr. Stefan Blankenberg vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung e.V. sind Statine essenziell bei der Erreichung der LDL-Zielwerte nach einem Herzinfarkt oder bei dokumentierter koronarer Herzkrankheit (KHK). Die Metaanalyse ist aus seiner Sicht robust – schließt aber vor allem Personen mit bereits erlittenem Herzinfarkt oder bekannter KHK ein. Ob sich die Ergebnisse auch auf Gesunde mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko übertragen lassen, ist nicht belegt. Das schlechte Image der Statine beruht nach seiner Meinung auf einer zum Teil überzogenen Indikationsstellung und den beschriebenen Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen und Leberwerterhöhungen. Tatsächlich ist es vor vielen Jahren unter dem inzwischen von Markt genommenen Cerivastatin zu wenigen Fällen von Leberversagen kommen – niemals aber bei den heute vor allem eingesetzten Statinen Atorvastatin und Rosuvastatin. Die Metaanalyse habe jetzt noch einmal bestätigt, dass Statine sicher sind und außer Muskelschmerzen und reversiblen Leberwerterhöhungen keine wesentlichen Nebenwirkungen zu erwarten sind.2