PD Dr. Martin Berger, Kardiologe an der Uniklinik RWTH Aachen, stellte im Mai 2025 auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden praxisrelevante Aspekte der aktualisierten ESC-Leitlinie zur arteriellen Hypertonie vor. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand dabei die leitliniengerechte Therapie der essenziellen Hypertonie, einer multifaktoriell bedingten Form des Bluthochdrucks.
Weltweite Mortalität: Die zentrale Rolle des hohen Blutdrucks
Eingangs betonte er die zentrale Bedeutung der arteriellen Hypertonie als Risikofaktor und Treiber kardiovaskulärer Erkrankungen (CVD). Laut der Global Burden of Disease Studie aus dem Jahr 2019 zählt ein erhöhter Blutdruck zu den weltweit bedeutendsten gesundheitlichen Risikofaktoren. Als führende Ursache für kardiovaskuläre Erkrankungen trägt die arterielle Hypertonie somit maßgeblich zur globalen Mortalität bei. Bei Frauen steht Bluthochdruck sogar an erster Stelle der risikobedingten Mortalität, bei Männern liegt lediglich der Tabakkonsum noch davor.
Leitlinienkonforme Messung: Klare Vorgaben, hoher Zeitaufwand
Die ESC-Leitlinie zur arteriellen Hypertonie gibt klare Empfehlungen zur standardisierten Blutdruckmessung in der ärztlichen Praxis. So sollte die Messung in ruhiger Umgebung nach einer mindestens 5-minütigen Ruhephase beginnen. Empfohlen werden 2 oder mehr Messungen im Abstand von 1 bis 2 Minuten, idealerweise an beiden Armen. Bei der Erstdiagnostik ist zudem der Ausschluss einer orthostatischen Hypotonie vorgesehen.
Ergänzend zum standardisierten Messverfahren in der Praxis, welches zeitaufwendig ist und schätzungsweise etwa 15 Minuten pro Untersuchung in Anspruch nimmt, empfiehlt die Leitlinie ein häusliches Blutdruckmonitoring (Home-based Blood Pressure Monitoring), insbesondere zum Ausschluss einer Weißkittel-Hypertonie. Die Messung zu Hause sollte eigenständig nach vorheriger Anleitung durch medizinisches Fachpersonal erfolgen. Voraussetzung für die Messung zu Hause ist die Verwendung eines validierten Messgeräts, was nur auf etwa 6 % der am Markt erhältlichen Geräte zutrifft. PD Dr. Berger riet vom Einsatz von Handgelenkgeräten ab. Diese seien zwar einfacher in der Handhabung, erfordern jedoch eine präzise Armhaltung, die häufig nicht korrekt umgesetzt wird. Stattdessen empfahl er die Nutzung validierter Oberarmmessgeräte. Darüber hinaus sprach er sich für eine strukturierte Erfassung der Messwerte aus, idealerweise in Form eines Blutdrucktagebuchs.
Kardiovaskuläres Risiko trotz „normalem“ Blutdruck
Die bisherigen Blutdruckkategorien „normal“ und „hoch-normal“ wurden in den aktuellen Leitlinien durch die Begriffe „nicht erhöhter Blutdruck“ und „erhöhter Blutdruck“ ersetzt. Der Ausdruck „normaler Blutdruck“ sollte vermieden werden, da er fälschlicherweise den Eindruck erwecken kann, es bestehe kein kardiovaskuläres Risiko.
Zur Begründung führte PD Dr. Berger an, dass selbst innerhalb des ehemals als normal angesehenen Blutdruckbereichs das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit steigendem Blutdruck allmählich zunimmt. Bereits leicht erhöhte Blutdruckwerte können mit einem relevanten kardiovaskulären Risiko einhergehen. Eine intensivere Blutdrucksenkung bei ausgewählten Risikogruppen bietet zudem klare Vorteile hinsichtlich Morbidität und Mortalität.
Jede Feststellung eines erhöhten Blutdrucks oder einer Hypertonie sollte idealerweise durch eine Kontrollmessung bestätigt sein, bevor weitere therapeutische Maßnahmen folgen, betonte PD Dr. Berger.
Risikoevaluierung und Therapiemaßnahmen bei erhöhtem Blutdruck
Um eine Therapiebedürftigkeit bei erhöhtem Blutdruck festzustellen, empfiehlt sich eine Evaluierung des kardiovaskulären Risikos.
Zur Einschätzung des individuellen kardiovaskulären Risikoprofils dienen Anamnese (etwa mit Blick auf KHK oder Herzinsuffizienz), Nierenfunktion (z. B. eGFR, UACR) sowie mögliche strukturelle Herzerkrankungen mittels EKG und gegebenenfalls Echokardiografie. Ergänzend erfolgt die Bestimmung von Nüchternblutzucker, HbA1c und Lipidprofil.
Finden sich keine auffälligen Befunde, erfolgt die weitere Risikobewertung mithilfe des SCORE2-Risikorechners. Dieser liegt in 3 Varianten vor: der Standardversion, einer Version für ältere Personen (SCORE2-OP) sowie einer spezifisch für Patientinnen und Patienten mit Diabetes. Nach Eingabe der relevanten Parameter liefert der Rechner einen prozentualen Risikowert, der als Entscheidungsgrundlage für das weitere therapeutische Vorgehen dient.
Darüber hinaus fließen sogenannte „risk modifiers“, also geschlechtsspezifische und gemeinsame Risikomodifikatoren in die individuelle Risikoabschätzung und damit auch in die Therapieentscheidung bei erhöhtem Blutdruck ein.
Wenn ein entsprechendes Risiko vorliegt, erfolgt zunächst für 3 Monate eine Lebensstilmodifikation. Zu den empfohlenen Lebensstilmaßnahmen zählen eine kaliumreiche Ernährung, beispielsweise durch Bananen, regelmäßige körperliche Aktivität, Gewichtsreduktion, eine Reduktion der Salz- und Alkoholzufuhr sowie der Verzicht auf Nikotin. Bleibt der Blutdruck anschließend über 130/80 mmHg, wird eine Monotherapie eingeleitet.
Therapiemaßnahmen bei Hypertonie
Bei der Behandlung der arteriellen Hypertonie wird in der Regel von Beginn an eine Kombinationstherapie empfohlen, vorzugsweise in Form einer Fixkombination aus 2 Wirkstoffen. Diese sollte einen ACE-Hemmer oder einen AT1-Rezeptorblocker (Sartan) in Kombination mit einem Kalziumkanalblocker oder Thiazid- bzw. thiazidähnlichem Diuretikum enthalten. Fixkombinationen verbessern nachweislich die Adhärenz und fördern die Therapietreue der Patientinnen und Patienten.
Der angestrebte systolische Zielwert liegt bei 120 bis 129 mmHg, sofern die Behandlung gut vertragen wird. Wird dieser Zielwert aufgrund von Nebenwirkungen nicht erreicht, orientiert man sich am Prinzip ALARA (as low as reasonably achievable), das bedeutet, der Blutdruck sollte so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar gesenkt werden.
Lässt sich der Zielwert mit einer Zweifachkombination nicht erreichen, sollte bevorzugt ein 3. blutdrucksenkendes Medikament in niedriger Dosierung ergänzt werden, anstatt die bestehende Zweierkombination aufzutitrieren, da eine Kombinationstherapie mit mehreren Wirkstoffen in niedriger Dosierung einer hoch dosierten Monotherapie überlegen zu sein scheint.
Kann der Zielwert auch mit einer niedrig dosierten Dreifachkombination nicht erreicht werden, ist eine schrittweise Aufdosierung der einzelnen Medikamente angezeigt.
Bei therapieresistenter Hypertonie können zusätzliche Optionen wie die Gabe von Spironolacton oder die Durchführung einer renalen Denervierung in spezialisierten Zentren erwogen werden.