Notfallmedizin im Grenzbereich
Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) 2026 beleuchtet Dr. med. Martin Petermeyer (Diez) diese Extremsituationen. Der Experte für die medizinische Versorgung bei einer Höhlenrettung betont: Die moderne Notfallmedizin versucht, die Betroffenen so schnell wie möglich in die Klinik zu bringen. Dieses „Load and go“ ist der Goldstandard. Doch was tun, wenn die Rettungskräfte zwar nur einige hundert Meter entfernt sind, aber der verschüttete Patient in einer Höhle erst einmal unerreichbar ist? Wenn ein Transport nicht Minuten, sondern Tage dauert? In der Höhlenrettung wird Zeit relativ. Es kann mehr als 48 Stunden dauern, bis überhaupt ein Kontakt zwischen Arzt und Patienten gelingt.
Unwirkliche Umgebung
In alpinen Höhlen herrschen konstant Temperaturen von ein bis drei Grad Celsius bei nahezu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Für Verletzte beginnt sofort ein Wettlauf gegen die Hypothermie. Solange sich verschüttete Höhlenforscher bewegen, erzeugt Muskelarbeit ausreichend Wärme. Mit der Immobilisation jedoch kühlt der Körper rasch aus. Gleichzeitig erschöpft sich die hormonelle Stressantwort: Auf die anfängliche Adrenalinphase folgt schnell eine tiefe Erschöpfung.
Kollaps und Hängetrauma
Hängt ein Patient bewegungslos im Seil, versacken innerhalb weniger Minuten mehrere Liter Blut in den Beinen. Die Beckenschlaufen des Gurtes schneiden oft tief in die Leistenbeuge ein und blockieren den Blutfluss zusätzlich. Ohne Muskelpumpe bricht der venöse Rückstrom zusammen und der Kreislauf kollabiert. Es kommt zum Hängetrauma. Einfache Maßnahmen können hier lebensrettend sein: Kletterer oder Arbeiter, die in der Höhe gesichert sind, führen meist Trittschlingen mit sich, als Teil ihrer Selbstrettungsausrüstung. Das sind Schlingen aus robustem Bandmaterial oder Seil, die so am Klettergurt befestigt werden, dass der Kletterer seinen Fuß hineinstellen kann. Das aktiviert die Muskelpumpe der Beine. Das gestaute Blut fließt zurück in den Kreislauf und wertvolle Zeit ist gewonnen.
Regionalanästhesie als Überlebensstrategie
Ein zentraler Baustein der Versorgung unter Tage ist das Schmerzmanagement. Während in der klassischen Notfallmedizin häufig systemische Analgesie oder Sedierung eingesetzt wird, plädiert Petermeyer für die Regionalanästhesie. Ziel ist nicht nur Schmerzfreiheit, sondern Funktionserhalt. Motorik und Bewusstsein sollen möglichst erhalten bleiben, denn bei der Bergung ist oftmals die aktive Mitarbeit des Verschütteten notwendig. Wer sich bewegen kann, stabilisiert auch seine Körpertemperatur. Petermeyer berichtet von Einsätzen, bei denen Biwakstationen mit Periduralanästhesie-Kits ausgestattet wurden. Patienten mit Beinverletzungen konnten so schmerzfrei noch selbstständig am Seil aufsteigen. Mittlerweile führen Höhlenforscher auch Lokalanästhetika mit. Sie werden angelernt, wie sie im Notfall durch Aufträufeln oder frakturnahe Injektionen die Schmerzen lindern können.
Beispiel „Riesending“
Die Rettung aus der „Riesending“-Höhle 2014 zählt zu den komplexesten Einsätzen der alpinen Rettungsgeschichte. Petermeyer war mit im Rettungsteam. In 1.000 Metern Tiefe erlitt ein Forscher ein schweres Schädel-Hirn-Trauma durch Steinschlag. Er war sofort bewusstlos und krampfte am ersten Tag ständig in Form von Grand-Mal-Anfällen. Später wachte er auf, war jedoch halbseitig links gelähmt und litt an einer Aphasie. Initial schien die Situation so aussichtslos, dass die Einsatzkräfte sogar eine terminale Sedierung (Palliativeinsatz) erwogen.
Auf diesem von der Bergwacht Bayern zur Verfügung gestellten Foto bringen Rettungskräfte den verletzten Höhlenforscher am 19. Juni 2014 in der Nähe von Marktschellenberg in der Endphase seiner Rettung aus der „Riesending“-Höhle an die Oberfläche.
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Riskanter Abtransport
Es dauerte fast vier Tage, bis der erste Arzt den Patienten in der Höhle erreichte. Nach fast fünf Tagen begann der schwierige Transport an die Oberfläche. Der Patient musste wegen des Schädel-Hirn-Traumas senkrecht transportiert werden. Während des Transports durch die engen Höhlensysteme musste das medizinische Team kreativ improvisieren, beispielsweise durch den Einsatz von Druckinfusionsbeuteln, die dem Patienten beigelegt wurden. Nach 11 Tagen erreichte der Verunfallte wieder das Tageslicht und wurde in eine Klinik nach Murnau geflogen.
Rettung durch Dehydratation
Besonders bemerkenswert ist die Genesung des Patienten. Er hat den gesamten Vorfall komplikationsfrei überstanden, kann sich allerdings an das ganze Geschehen nicht mehr erinnern. Petermeyer formuliert hierzu eine provokante These: Möglicherweise überlebte der Patient auch deshalb, weil er zunächst nicht leitliniengerecht intensivmedizinisch versorgt werden konnte. Der Mangel an Infusionen führte vermutlich zu einer kontrollierten Dehydratation und verhinderte so eine weitere Zunahme des Hirnödems1. Dieser unfreiwillige „Controlled Neglect“ könnte sich im Nachhinein als Vorteil erwiesen haben. Für die zivile Notfallmedizin eröffnet das eine wichtige Frage: Wie viel Intervention ist in der Frühphase tatsächlich notwendig, und wann kann weniger mehr sein?
Improvisation zählt
Die Höhlenrettung zeigt in radikaler Form, wie sehr Notfallmedizin von Flexibilität und Improvisation lebt. Unter Extrembedingungen gelten eigene physiologische Regeln. Eine zentrale Erkenntnis: Die aktive Mobilisation des Patienten – ermöglicht durch lokale Schmerztherapie – kann manchmal wichtiger sein als eine möglichst schnelle Evakuierung unter sedierenden Medikamenten.