Die Sepsis-Stiftung fordert nach dem Vorbild der britischen
„Martha’s Rule“ mehr Mitsprache für Patienten und Angehörige in Deutschland.
1 Da Sepsis eine der häufigsten vermeidbaren Todesursachen ist, betont die Stiftung, dass Angehörige Verschlechterungen oft früh erkennen. Klare Strukturen für Zweitmeinungen könnten auch hierzulande Leben retten.
Die Initiative geht auf den Tod der 13-jährigen Martha Mills zurück. Sie starb im Londoner King’s College Hospital an einer Sepsis. Ihre Familie hatte wiederholt auf eine Verschlechterung ihres Zustands hingewiesen, fühlte sich jedoch nicht ausreichend gehört.
Ein Gerichtsmediziner stellte 2022 fest, dass Martha wahrscheinlich überlebt hätte, wenn sie früher auf eine Intensivstation verlegt und entsprechend behandelt worden wäre. Nach einer öffentlichen Kampagne ihrer Eltern wurde Martha’s Rule 2024 im britischen Gesundheitssystem eingeführt. Inzwischen wird sie in allen Akutkliniken Englands umgesetzt – sowohl in der Erwachsenen- als auch in der Kindermedizin.
Die bisherigen Daten zeigen eine klare Wirkung:
Für Experten sind Martha's Rules ein starkes Signal für die Rolle von Angehörigen in der Patientensicherheit. „Wenn auch in Deutschland die Möglichkeit zu einer Zweitmeinung im Krankenhaus möglich wäre, würde mein Sohn Jann mit höchster Wahrscheinlichkeit noch leben“ sagt Kerstin Martensen, die Initiatorin der Initiative Jülich rüstet gegen Sepsis. „Am Tag bevor Jann entlassen werden sollte sagte er noch: Mama, sie haben mich aufgegeben, Mama ich habe solche Angst und will nicht sterben." Mein Mann und ich haben den Ärzten seine Symptome geschildert - ohne selber zu wissen, dass es die Symptome einer Sepsis sind – diese wurden jedoch als nicht bedrohlich abgetan“ so Kerstin Martensen weiter.
Die Sepsis-Stiftung sieht in den Entwicklungen in England ein wichtiges Signal auch für das deutsche Gesundheitssystem. Sepsis gehört weiterhin zu den häufigsten vermeidbaren Todesursachen in Krankenhäusern.
Angehörige bemerken häufig frühzeitig Veränderungen im Zustand eines Patienten – etwa zunehmende Verwirrtheit, Atemprobleme oder eine rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands. Werden solche Hinweise strukturiert aufgenommen, kann dies entscheidend dazu beitragen, schwere Verläufe zu verhindern. Die Stiftung setzt sich daher für eine stärkere Einbindung von Patienten und Familien in die Patientensicherheit ein.
In der coliquio-Community stößt die Forderung auf
ein geteiltes Echo. Es gibt zwar massive Bedenken hinsichtlich der knappen Personalressourcen und möglicher Überbürokratisierung – so fragt eine Stimme aus der Zahnmedizin sarkastisch: „Wo kommt das zweite Team her? Wir haben ja noch nicht mal das erste vollständig am Start“ und ein Internist warnt augenzwinkernd vor einem künftigen „Marthas-Rule-Beauftragten“ auf jeder Station.
Inhaltlich wird der Ansatz jedoch vielfach gelobt und als Chance gesehen. Ein Facharzt für Kardiologie betont den Nutzen einer Zweitmeinung, da Behandelnde bei ausbleibender Besserung mitunter „betriebsblind“ werden könnten. Trotz der Hürden im Klinikalltag überwiegt bei vielen der konstruktive Blick auf das Konzept: Ein Kollege aus der Kinder- und Jugendmedizin ist überzeugt, dass ein solches Warnsystem auch in Deutschland nutzbringend angewandt werden könnte und – gut umgesetzt – das Potenzial habe, „Vertrauen in ärztliches Handeln zu stärken“. Eine weitere Stimme warnt davor, eine explizite Regel könnte für eine erhöhte Arbeitsbelastung sorgen und plädiert dafür, den genauen Blick auf den Patienten im Alltag nicht zu verlieren.
Wie bewerten Sie solche Eskalationsmöglichkeiten für Patienten und Angehörige – gerade im Klinikalltag mit hohem Zeit- und Personaldruck: Wären sie aus Ihrer Sicht hilfreich? Diskutieren Sie mit und erfahren Sie, wie Ihre Kolleginnen und Kollegen darüber denken.
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