Das Prinzip „Nihil per os ab Mitternacht“ stammt aus einer Zeit, in der die Angst vor der Aspiration bei der Narkoseeinleitung die klinische Praxis dominierte. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass klare Flüssigkeiten den Magen rasch verlassen. In der Realität fasten Patienten aus organisatorischen Gründen (z. B. unklarer OP-Beginn) oft sogar neun bis zwölf Stunden vor dem Eingriff. Dies berichten die Autoren einer Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift AINS1. Ein Umstand, der zudem für manche Patienten riskant ist.
Eine verlängerte Flüssigkeitskarenz führt zu vermehrtem Durst, Hypovolämie und metabolischer Dysregulation. Besonders gefährdet sind vulnerable Gruppen wie Senioren. Bei ihnen ist Exsikkose direkt mit kognitiven Störungen und einem erhöhten Delirrisiko assoziiert. In Studien konnte eine optimierte Flüssigkeitshomöostase die Delirinzidenz deutlich senken (z. B. von 57 % auf 40 % in einer kardiochirurgischen Studie2). Zudem stellt der präoperative Flüssigkeitsmangel einen unabhängigen Risikofaktor für ein akutes Nierenversagen nach der Operation dar und verschlechtert das postoperative Ergebnis insgesamt.
Problematisch ist allerdings, dass die Fachgesellschaften ihre entsprechenden Leitlinien dieser evidenzbasierten Realität bisher noch nicht angepasst haben. So erlaubt insbesondere die immer noch aktuelle Leitlinie der European Society of Anaesthesiology (ESA, heute ESAIC) aus dem Jahr 2011 die Aufnahme von klaren Flüssigkeiten bis zwei Stunden und von fester Nahrung bis sechs Stunden vor der Narkoseeinleitung. Laut den Autoren basiert diese Leitlinie jedoch weitgehend auf Expertenmeinungen und wurde seither nicht aktualisiert, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen. Dennoch hat sie juristische Relevanz.
Stattdessen sollten erwachsene Patienten aktiv dazu ermutigt werden, mindestens bis zur 2-Stunden-Grenze – oder noch besser bis zum Abruf in den OP – klare Flüssigkeiten zu sich zu nehmen. Die Umsetzung eines solchen Flüssigkeitsregimes setzt allerdings voraus, dass Kliniken ihr veraltetes Vorgehen ändern, die Patienten entsprechend aufklären und ausreichend klare Flüssigkeit präoperativ zur Verfügung stellen. Organisatorisch durchaus eine Herausforderung für den Klinikbetrieb. Die Autoren verweisen darauf, dass die konservativen Leitlinien bei Säuglingen und Kleinkindern längst geändert wurden. Nun seien auch die Erwachsenen an der Reihe.
Die durch das neue Konzept optimierte Hydratation verbessert die Hämodynamik bei der Einleitung und steigert die Patientenzufriedenheit erheblich. Insbesondere bei älteren Patienten muss allerdings der Volumenstatus bereits vor der Einweisung optimiert werden, da viele von ihnen dehydriert in der Klinik ankommen. Die Hausärzte spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Sie sollten nicht nur den Hydrationszustand ihrer Patienten optimieren und ihnen im Vorfeld die tradierte Angst vor dem präoperativen Trinken nehmen. Selbstverständlich nur nach vorheriger Absprache mit der Klinik. Denn nicht jedes Krankenhaus hat sich von dem restriktiven Nüchterheitsdogma befreit.