Während Kaffee manche Beschwerden zu verstärken scheint, deuten andere Ergebnisse auf mögliche Schutzwirkungen hin. Zubereitung und individuelle Faktoren könnten solche Unterschiede erklären.1
Kaffee und Reflux: Ein möglicher Zusammenhang – aber nur schwach
Zu den Leiden, bei denen Kaffee als Risikofaktor vielfach diskutiert wird, zählt vor allem die gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD). Eine
Analyse von Daten der Nurses’ Health Study II aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Kaffeetrinkende häufiger Refluxsymptome haben. Bei 6 oder mehr Tassen zu je 250 ml täglich lag die Hazard Ratio (HR) bei 1,34 im Vergleich zu Menschen, die keinen Kaffee tranken. Eine neue
Metaanalyse, veröffentlicht in Clinical and Translational Gastroenterology, bestätigt einen möglichen Zusammenhang, allerdings nur in geringem Ausmaß. Forschende haben 39 Studien mit insgesamt 121.625 Teilnehmenden ausgewertet. Darunter befanden sich 85.400 Kaffeetrinkende und 36.674 Personen, die keinen Kaffee konsumierten.
Das Autorenteam fand heraus, dass Kaffeetrinkende ein leicht erhöhtes Risiko hatten: 34,9 % der Kaffeekonsumierenden entwickelten GERD gegenüber 30,7 % der Kontrollen. Daraus ergab sich eine Odds Ratio (OR) von 1,18. Dieses Ergebnis blieb auch in verschiedenen Sensitivitätsanalysen stabil, etwa bei Studien mit jugendlichen Teilnehmenden oder bei einer erweiterten Definition von GERD.
Kein Zusammenhang mit Barrett-Ösophagus, Studienlage uneinheitlich
Kein Zusammenhang zeigte sich hingegen zwischen dem Kaffeekonsum und dem Barrett-Ösophagus. Diese Erkrankung gilt als mögliche Folge einer chronischen Refluxkrankheit und als Vorstufe von Speiseröhrenkrebs. Die Forschenden betonen, dass der beobachtete Unterschied bei der GERD-Häufigkeit „von unklarer klinischer Bedeutung“ sei. Ob eine generelle Empfehlung zur Reduktion oder zum Verzicht auf Kaffee als Lebensstilmaßnahme bei GERD sinnvoll ist, müsse daher weiter untersucht werden.
Frühere epidemiologische Untersuchungen aus Norwegen und Japan hatten ebenfalls keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und GERD gefunden – selbst bei Personen, die mehrere Tassen täglich trinken. Die neue Metaanalyse unterscheidet sich von älteren Papers durch ihren Umfang. Sie umfasst eine höhere Anzahl von Studien und eine größere Gesamtstichprobe. Zudem nutzt die Autorenschaft eine umfassendere internationale Suchstrategie, die eine strengere statistische Auswertung ermöglichte.
Kein generelles Kaffee-Verbot bei Reflux
Dass insgesamt nur ein geringer Zusammenhang zwischen Kaffee und Reflux gefunden wurde, überrascht Walter W. Chan, Direktor des Center for Gastrointestinal Motility am Brigham and Women’s Hospital in Boston, nicht. „Kaffee erhöht vermutlich nur bei einer bestimmten Untergruppe von Risikopatienten Reflux-Beschwerden“, erklärte Chan gegenüber Medscape. Entscheidend könnten auch Art, Menge und Zubereitung des Kaffees sein. Diese Faktoren könnten erklären, warum Studien mit sehr unterschiedlichen Designs, Personengruppen und Kaffeearten insgesamt nur einen geringen Effekt zeigen. Für die meisten Konsumierenden habe Kaffee wahrscheinlich kaum oder gar keinen Einfluss, so Chan.
Er sieht deshalb keinen Grund für pauschale Einschränkungen des Kaffeekonsums bei Menschen mit GERD. Stattdessen könne es sinnvoll sein, dass nur Personen ihren Konsum verringern, bei denen Kaffee Symptome auslöst und bei denen sich Beschwerden dann verbessern. Diese Vorgehensweise entspricht Empfehlungen der Leitlinien der American Gastroenterological Association. Auch die Tatsache, dass kein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie Barrett-Ösophagus gefunden worden sei, stelle die klinische Bedeutung des schwachen Zusammenhangs zwischen Kaffee und GERD zusätzlich infrage, relativiert Chan.
Ungesüßter Kaffee könnte sogar schützen
Eine
Studie aus dem Jahr 2025 weist darauf hin, dass Kaffee möglicherweise vor einigen Magen-Darm-Erkrankungen schützen könnte, allerdings mit einer Besonderheit: Die stärksten Effekte zeigten sich bei ungesüßtem Kaffee. Für die Publikation analysierte das Autorenteam Daten von 147.263 Teilnehmenden der UK Biobank, die zu Studienbeginn keine Magen-Darm-Erkrankungen hatten. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 12,6 Jahren zeigte sich ein U-förmiger Zusammenhang zwischen dem Kaffeekonsum und Risiko für Magen-Darm-Erkrankungen aller Art.
Die niedrigste Rate fand sich bei Menschen, die täglich 2 bis 4 Tassen Kaffee tranken. Im Vergleich zu Personen mit weniger als 2 oder mehr als 4 Tassen pro Tag lag die HR bei 0,84 (p < 0,001). Der schützende Effekt zeigte sich vor allem bei ungesüßtem Kaffee. Bei natürlich gesüßtem Kaffee war der Zusammenhang schwächer, und bei künstlich gesüßtem Kaffee waren die Ergebnisse uneinheitlich.
Schutzwirkung bei mehreren Erkrankungen
Die möglicherweise protektiven Effekte wurden bei mehreren Erkrankungen beobachtet, darunter:
- die gastroösophageale Refluxkrankheit,
- Gastritis und Duodenitis,
- metabolisch bedingte Fettlebererkrankungen,
- Erkrankungen der Gallenwege.
Die Ergebnisse blieben auch in verschiedenen Subgruppen- und Sensitivitätsanalysen erhalten. Dies unterstreiche die mögliche Rolle von Kaffee – insbesondere ungesüßtem Kaffee – zur Verringerung des Risikos von Magen-Darm-Erkrankungen, schreibt das Autorenteam. Besonders starke Effekte hat es bei Personen mit genetischem Risiko für Magen-Darm-Erkrankungen sowie bei Divertikulose und Leberzirrhose beobachtet. Kein schützender Einfluss zeigte sich bei der Wahrscheinlichkeit für das Reizdarmsyndrom oder für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Die Forschenden betonen, dass ihre Arbeit erstmals klar zwischen gesüßtem und ungesüßtem Kaffee unterscheidet – ein Aspekt, der in vielen früheren Studien nicht berücksichtigt worden ist. Allerdings wurde nicht untersucht, welche Rolle Milch oder Sahne im Kaffee spielen.
Auch zeigt die Analyse keinen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko für Magen-Darm-Krebserkrankungen. Dies stimmt mit der Einschätzung der International Agency for Research on Cancer überein, nach der Kaffee hinsichtlich seiner Krebsrisiken beim Menschen „nicht klassifizierbar“ ist. Besonders auffällig sei, dass ein ähnlich moderater Effekt für sehr unterschiedliche Erkrankungen beobachtet wurde – von GERD bis hin zu Divertikulose –, obwohl diese Krankheiten unterschiedliche pathophysiologische Mechanismen hätten, sagt Chan. Das spreche dafür, dass möglicherweise andere gemeinsame Einflussfaktoren als Reflux eine Rolle spielten.
Ernährung könnte den Effekt von Kaffee beeinflussen
Eine weitere
Studie, veröffentlicht in Cancer Medicine, untersuchte den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Magen-Darm-Krebserkrankungen genauer. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Ernährungsweise eine wichtige Rolle spielt und nicht nur die Menge an Kaffee.
Da Kaffee direkt mit dem Verdauungstrakt in Kontakt kommt und über diesen aufgenommen wird, hängt seine Wirkung stark vom Umfeld im Magen-Darm-Trakt ab, etwa von physikochemischen Eigenschaften, der Darmflora und der Wechselwirkung mit anderen Nahrungsmitteln wie Milch oder Fett. Die Forschenden stellten daher die Frage, ob unterschiedliche Ernährungsweisen die bekannten antitumoralen Effekte von Kaffee beeinflussen könnten. Für ihre Untersuchung analysierten sie die Daten von 29.422 Erwachsenen aus der US-amerikanischen National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) aus den Jahren 2001 bis 2018. Nach statistischer Anpassung zeigte sich zunächst ein überraschendes Ergebnis: Sowohl niedriger als auch hoher Kaffeekonsum war mit einer höheren Gesamtprävalenz von Magen-Darm-Krebs verbunden (p < 0,001).
Bei Personen mit geringem Kaffeekonsum (bis ca. 500 ml pro Tag, etwa 2 bis 2,5 Tassen) war die Prävalenz von Krebserkrankungen im Magen-Darm-Bereich 1,26-mal höher als bei Nicht-Kaffeetrinkenden. Und bei Personen mit mehr als 503,2 g pro Tag lag sie 1,2-mal höher. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kaffee – wenn Ernährungsfaktoren nicht berücksichtigt werden – durchaus ein Risikofaktor sein könnte. Ein differenzierteres Bild ergibt sich jedoch, wenn Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt wurden. Personen mit einer westlichen Ernährungsweise, geprägt von raffinierten Fetten, raffiniertem Getreide, Käse, zugesetztem Zucker, verarbeitetem Fleisch und orangefarbenem Gemüse, hatten bei regelmäßigem Kaffeekonsum ein geringeres Risiko für Magen-Darm-Krebs (OR: 0,753) als Kontrollen, die keinen Kaffee getrunken haben.
Scheinbar widersprüchliche Effekte bei Obst und Gemüse
Auch bei einer ausgewogenen Ernährung, die vor allem Pflanzenöle, stärkehaltiges Gemüse, anderes Gemüse, Eier und Meeresfrüchte umfasst, zeigte sich ein geringeres Krebsrisiko (OR 0,963). Anders sah es bei einer vegetarischen Ernährungsweise aus. Teilnehmende mit einer Ernährung, die vor allem aus Obst, orangefarbenem Gemüse, dunkelgrünem Gemüse, anderem Gemüse, Vollkornprodukten und Joghurt bestand, hatten bei regelmäßigem Kaffeekonsum ein höheres Risiko für Magen-Darm-Krebs (OR 1,707).
Eine weitere Analyse zeigte jedoch, dass Kaffeekonsum bei Menschen mit hoher Gemüseaufnahme das Risiko für Magen-Darm-Krebs deutlich senkte (OR 0,581). Dieser scheinbare Widerspruch zu den Ergebnissen bei vegetarischer Ernährung erklärt sich laut Autorenschaft dadurch, dass in dieser Ernährungsform Obst den größten Anteil ausmacht. Polyphenole können mit Pektin aus Früchten und Fruchtsäften Komplexe bilden. Diese sogenannten Polyphenol-Pektin-Komplexe besitzen eine geringe Fähigkeit, Superoxidradikale zu neutralisieren und haben eine verminderte Aktivität beim Abfangen von Hydroxylradikalen. Dies deutet darauf hin, dass die biologischen Effekte der aktiven Substanzen im Kaffee durch Ernährung beeinflusst werden.
Fazit: Individualisierte Empfehlungen statt pauschaler Verbote
Die Studien legen nahe, dass Ärztinnen und Ärzte bei Empfehlungen zum Kaffeekonsum individuelle Faktoren berücksichtigen sollten. Chan plädiert deshalb für eine personalisierte Beratung: Statt allen Betroffenen pauschal von Kaffee abzuraten, sollten medizinisch Tätige gezielt Personen identifizieren, deren Symptome tatsächlich mit dem Kaffeekonsum zusammenhängen.
Dieser Beitrag ist im Original bei Medscape.com erschienen.