Tatsächlich deuten Studien darauf hin, dass Zimt sowohl metabolische Effekte – etwa auf den Blutzuckerstoffwechsel – als auch neuroprotektive Eigenschaften entfalten könnte. Gleichzeitig ist die Studienlage teilweise widersprüchlich. Die Ergebnisse variieren je nach Zimtsorte, Dosierung, Studiendesign und untersuchter Patientengruppe erheblich.
Zimt in der Diabetologie: Kleine Effekte mit begrenzter Relevanz
Zimt enthält eine Reihe bioaktiver Substanzen wie Cinnamaldehyd und verschiedene Polyphenole, die in präklinischen Modellen vielversprechende Effekte zeigen. Sie können die Insulinsensitivität verbessern, die Glukoseaufnahme in Zellen steigern und entzündliche Prozesse modulieren. Auf Grundlage dieser Mechanismen wurden zahlreiche klinische Studien bei Typ-2-Diabetes, Prädiabetes und beim metabolischen Syndrom durchgeführt.
Eine
Arbeit aus dem Jahr 2022 zeigte signifikante Verbesserungen von Nüchternglukose, HbA1c und Lipidprofil im Vergleich zu Placebo. Eine umfassende
Umbrella-Review aus dem Jahr 2023 bestätigt diese Trends, weist jedoch darauf hin, dass der beobachtete HbA1c-Rückgang von lediglich rund 0,1 Prozentpunkten klinisch vermutlich kaum ins Gewicht fällt. Auch
neuere randomisierte Studien verweisen laut einer weiteren Metaanalyse auf leichte Verbesserungen verschiedener Stoffwechselparameter – ohne jedoch einen klaren Einfluss auf die Insulinspiegel nachweisen zu können. Hinzu kommt, dass viele Untersuchungen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen durchgeführt wurden, was den direkten Vergleich und die Einordnung der Ergebnisse zusätzlich erschwert.
Derzeit keine Empfehlung in der Leitlinie
Die beobachteten Effekte sind im Durchschnitt eher klein, die Studien oft kurz (meist 8-16 Wochen), mit begrenzter Teilnehmerzahl und großer Heterogenität. Unterschiede gibt es bei der Zimtsorte (Cassia vs. Ceylon), bei der Dosis (von wenigen hundert Milligramm bis 6 g/Tag), der Darreichungsform (Pulver, Extrakt, Kapsel) und den untersuchten Populationen (Prädiabetes, neu diagnostizierter Typ-2-Diabetes, metabolisches Syndrom). Viele Arbeiten haben methodische Schwächen, etwa unzureichende Verblindung, unklare Compliance oder zusätzliche Lebensstiländerungen, die die Ergebnisse verzerren können.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hält deshalb fest, dass Zimt als Gewürz unproblematisch sei. Sie rät aber
ausdrücklich davon ab, Zimtpräparate zur Blutzuckersenkung einzusetzen. Der Nutzen sei nicht ausreichend belegt.
Hinzu kommt ein toxikologischer Aspekt: Viele handelsübliche Präparate basieren auf Cassia-Zimt, der deutlich höhere Mengen an Cumarin enthält. Cumarin kann in hoher und längerfristiger Dosierung die Leber schädigen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat deshalb eine
tolerierbare tägliche Aufnahmemenge von 0,1 mg Cumarin pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt, die nicht dauerhaft überschritten werden sollte. Gerade Nahrungsergänzungsmittel können diese Grenze leicht überschreiten, oft ohne den genauen Gehalt anzugeben.
Zimt in der Neurologie: ein Forschungsfeld mit vielen Fragezeichen
Noch spekulativer ist die Bewertung potenzieller neuroprotektiver Effekte.
Präklinische Studien zeigen antioxidative, antiinflammatorische und neuroprotektive Eigenschaften verschiedener Zimtbestandteile. Die Inhaltsstoffe verringern in Modellen die Aggregation von Amyloid-β- und Tau-Proteinen, modulieren Signalwege wie SIRT1 oder NF-κB und fördern so das neuronale Überleben.
Für Morbus Parkinson existieren vielversprechende
Tierstudien: Mäuse, die Zimt erhielten, zeigten eine Hochregulation der Proteine DJ-1 und Parkin sowie einen Schutz dopaminerger Neurone. DJ-1 und Parkin sind Proteine mit schützenden Eigenschaften. Ältere Untersuchungen deuten auf
mögliche positive Effekte bei traumatischen Hirnverletzungen oder stressinduzierten Stimmungsveränderungen hin – wiederum ausschließlich im präklinischen Bereich.
Im September 2021 durchforsteten Wissenschaftler PubMed, Scopus, Google Scholar und Web of Science. Dabei fanden sie 2.605 potenziell relevante Studien zur Neuroprotektion. Nach eingehender Prüfung blieben 40 Arbeiten übrig, die alle Kriterien für ihre
systematische Übersicht erfüllten: 33 tierexperimentelle Studien, 5 In-vitro-Analysen und 2 klinische Untersuchungen.
In-vivo-Untersuchungen mit verschiedenen Tiermodellen belegen, dass Zimt und seine Bestandteile wie Eugenol, Zimtaldehyd und Zimtsäure die Gehirnfunktionen spürbar positiv beeinflussen. In-vitro-Studien ergänzen dieses Bild: Wenn Forschende Zimt oder Zimtaldehyd zu Zellkulturen geben, reduzieren sich Tau- und Amyloid-β-Ablagerungen, während die Zellen eine höhere Überlebensrate zeigen.
Klinischen Studien liefern jedoch ein gemischtes Bild. Manche Untersuchung berichtet von klaren Verbesserungen der kognitiven Leistung, während eine andere keinerlei Veränderungen belegen konnte. Bis Ergebnisse aus hochwertigen klinischen Studien vorliegen, ist es zu früh für Empfehlungen.
Weitere mögliche Anwendungsfelder von Zimt: Stoffwechsel, Entzündung und Mikrobiom
Jenseits der Neurologie und der Diabetologie rückt Zimt in weiteren medizinischen Bereichen in den Fokus. Forscher haben gezeigt, dass Zimt die Lipidwerte, Triglyzeride oder bestimmte Entzündungsmarker bei Patienten
verbessern kann. Sie führen diese Effekte auf antioxidative Eigenschaften und mögliche Einflüsse auf das Darmmikrobiom zurück. Dennoch fehlen bislang robuste klinische Daten, die diese Befunde eindeutig bestätigen.
In vitro zeigt Zimt zudem antimikrobielle
Effekte. Ob sich daraus jedoch praktikable medizinische Anwendungen – etwa bei gastrointestinalen Beschwerden oder Schleimhautinfektionen – entwickeln lassen, bleibt offen. Ähnlich vorsichtig beurteilen Experten mögliche stimmungsstabilisierende Effekte, da bisher ausschließlich Tierstudien entsprechende Hinweise
geliefert haben. Fazit: Zimt als Gewürz genießen – nicht als Medikament betrachten
Zimt ist ein traditionsreiches Gewürz mit pharmakologisch relevanten Inhaltsstoffen. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt zwar metabolische und neuroprotektive Effekte in präklinischen Modellen sowie geringe Verbesserungen der Blutzuckerwerte in klinischen Studien. Doch die Aussagekraft der Daten ist begrenzt.
Fachgesellschaften raten deshalb klar davon ab, Zimtpräparate zur Behandlung des Diabetes einzusetzen. Auch in der Neurologie handelt es sich bisher um ein experimentelles Forschungsfeld ohne klinische Relevanz.
Für den Alltag bleibt daher eine einfache Empfehlung: Zimt als köstliches Gewürz genießen – aber nicht als medizinisches Präparat betrachten.
Der Beitrag ist im Original auf Medscape.de erschienen.