Uwe Neumann
Uwe Neumann ist Nachhaltigkeitspädagoge, Bildungsreferent für nachhaltige Entwicklung und Vorstandsvorsitzender von „Culinary Medicine Deutschland e.V.“.
Ernährungswissen allein kocht nicht
Genau hier liegt das eigentliche Versäumnis der deutschen Ernährungspolitik. Denn an Wissen mangelt es längst nicht mehr. Die lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) von 2024 sind klar: mehr pflanzliche Lebensmittel, mehr Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchte und Nüsse, weniger stark verarbeitete Produkte, weniger Fleisch, mehr Nachhaltigkeit. Fachlich ist die Richtung eindeutig. Politisch entscheidend ist jedoch eine andere Frage: Warum gelingt es trotz all dieses Wissens so vielen Menschen nicht, im Alltag entsprechend zu essen?
Die ehrliche Antwort lautet: Weil Ernährungswissen allein nicht kocht. Wer sich gesundheitsbewusst ernähren will, muss nicht nur wissen, was, warum und weshalb – sondern ebenso wie. Wie kaufe ich mit begrenztem Budget ein? Wie plane ich Mahlzeiten in einem hektischen Familienalltag? Wie bereite ich Gemüse so zu, dass Kinder es mögen? Wie koche ich frisch, wenn Zeit, Geld und Energie knapp sind? Wie gelingt gutes Essen unter realen Bedingungen – und nicht nur auf dem Papier?
Solange Politik auf diese Fragen keine überzeugenden Antworten gibt, bleibt Ernährungsbildung in Deutschland in weiten Teilen unvollständig. Dann produziert sie gute Absichten, aber zu wenig Umsetzung. Dann wird Verantwortung stillschweigend auf das Individuum abgewälzt. Wenn Menschen trotz guter Ratschläge anders essen, erscheint das schnell wie persönliches Versagen. Tatsächlich ist es häufig ein strukturelles Problem: fehlende Zeit, fehlende Übung, fehlende Vorbilder und fehlende Verlässlichkeit im Alltag.
Gute Ernährung entsteht durch Erfahrungsräume
Gerade deshalb verdienen die DGE-Qualitätsstandards für Verpflegung in Schule und Kita größere politische Aufmerksamkeit, als sie bislang erhalten. Dort wird ausgesprochen, was in der öffentlichen Debatte noch immer unterschätzt wird: Gute Ernährung entsteht nicht allein durch Vorgaben auf dem Speiseplan, sondern durch Erfahrungsräume. Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an denen sie Lebensmittel kennenlernen, Zubereitung erleben, Geschmack entwickeln und Selbstwirksamkeit erfahren. Schule und Kita sind deshalb nicht nur Ausgabestellen für Mahlzeiten, sondern Bildungsorte. Und Bildungsorte brauchen Infrastruktur.
Diese Infrastruktur hat in Deutschland noch keinen angemessenen politischen Stellenwert. Lehrküchen, ab den 1970er Jahren sukzessive aus den Schulen und Lehrplänen verbannt, werden häufig als „nice to have“ behandelt – als Zusatzangebot für besonders engagierte Einrichtungen. Das ist ein Fehler. Lehrküchen sind keine pädagogische Dekoration, sondern Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge im 21. Jahrhundert. Sie gehören in eine moderne Präventions-, Bildungs- und Ernährungspolitik ebenso selbstverständlich wie Sporthallen in die Bewegungsförderung oder Bibliotheken in die Leseförderung.
Lehrküchen übersetzen Wissen in Können und Handeln
Denn Lehrküchen leisten etwas, das keine Broschüre, keine App und kein noch so gut formulierter Ernährungstipp ersetzen kann: Sie übersetzen Wissen in Können und Handeln. Hier lernen Menschen, mit frischen Lebensmitteln umzugehen, Mahlzeiten zu planen, Ressourcen sinnvoll einzusetzen, Reste zu verwerten, gemeinsam zu essen und Genuss mit Gesundheit zu verbinden. Hier wird aus abstrakter Gesundheitskommunikation alltagstaugliche Kompetenz in den Lebenswelten. Und genau darin liegt ihr politischer Wert. Erstens sind Lehrküchen ein Instrument wirksamer Prävention. Wer kochen kann, ist eher in der Lage, sich regelmäßig ausgewogen zu ernähren, mit frischen Zutaten umzugehen und sich von hochverarbeiteten Convenience-Strukturen ein Stück weit unabhängiger zu machen. Prävention wird damit konkret, praktisch und sozial verankert – lange bevor Krankheiten entstehen.
Zweitens sind Lehrküchen Orte der Chancengerechtigkeit. Gerade Kinder aus Familien mit geringeren finanziellen und zeitlichen Ressourcen profitieren nicht von moralischen Appellen, sondern von praktischen Gelegenheiten, Ernährungskompetenz wirklich zu erwerben. Wer Bildungsgerechtigkeit ernst meint, darf Kochen, Versorgen, Planen und gemeinsames Essen nicht dem Zufall überlassen.
Drittens stärken Lehrküchen die Resilienz der Gesellschaft in Krisenzeiten. Pandemie, Inflation, steigende Lebensmittelpreise, Unsicherheit in Lieferketten und wachsende soziale Belastungen haben gezeigt, wie verletzlich Alltagsroutinen sind. Wer kochen, planen, improvisieren und Lebensmittel sinnvoll nutzen kann, ist widerstandsfähiger – individuell wie gemeinschaftlich. Lehrküchen fördern damit mehr als gesunde Ernährung: Sie stärken Selbstwirksamkeit, Anpassungsfähigkeit, soziale Teilhabe und Krisenfestigkeit und schaffen ein Kohärenzgefühl.
Viertens sind sie ein Beitrag zu einer ernst gemeinten Ernährungswende. Wer nachhaltigere Ernährung will, muss Menschen befähigen, diese auch umzusetzen. Hülsenfrüchte, saisonales Gemüse, Vollkornprodukte und frische Grundzutaten werden nicht allein deshalb häufiger gegessen, weil sie empfohlen werden. Sie werden häufiger gegessen, wenn Menschen wissen, wie man daraus schmackhafte, bezahlbare und alltagstaugliche Mahlzeiten macht. Nachhaltigkeit braucht Kompetenz – sonst bleibt sie ein Milieuprojekt.
Natürlich braucht es dafür mehr als einzelne gute Ideen. Es braucht politische Entscheidungen. Bund, Länder und Kommunen müssen Lehrküchen und praxisnahe Ernährungsbildung systematisch in Bildungs-, Gesundheits- und Präventionsstrategien verankern. Nicht als sporadisch gefördertes Projekt, sondern als regulären Bestandteil öffentlicher Infrastruktur. Wer es ernst meint mit Prävention, Kindergesundheit, sozialer Gerechtigkeit und nachhaltiger Ernährung, muss genau hier investieren: in Räume, Personal, Qualifizierung, Vernetzung und verlässliche Finanzierung.
Was fehlt, ist politischer Wille
Die Ernährungsstrategie der Bundesregierung beansprucht, gutes Essen leichter zu machen. Was fehlt, ist politischer Wille zur Konsequenz.
Die politische Kernfrage lautet nicht mehr, ob wir wissen, was gesunde Ernährung ist. Sie lautet, ob wir bereit sind, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich gesundheitsbewusst ernähren können.
Solange Deutschland diese Frage nicht mit Nachdruck beantwortet, bleibt Ernährungsbildung zu oft folgenlos und Prävention lediglich bloße Rhetorik. Wer es mit Gesundheit, Bildung und Resilienz ernst meint, muss „Küche, Kochen und Kompetenz!“ endlich als öffentliche Aufgabe begreifen.
Menschen brauchen nicht nur Empfehlungen. Sie brauchen Räume, Gelegenheiten und Fähigkeiten. Sie brauchen nicht nur Informationen über gutes Essen, sondern die Möglichkeit, gutes Essen im Alltag zu leben. Gesundheitsbewusst ernähren – aber wie? Politisch glaubwürdig beantwortet wird diese Frage erst dann, wenn wir endlich (wieder) die Infrastruktur schaffen, die gesundes Essen für alle praktisch umsetzbar macht: Lehrküchen, Ernährungsbildung und Kompetenzvermittlung als festen Bestandteil einer präventiven und resilienten Gesellschaft.