Proteinreiche Ernährung liegt im Trend. „Protein ist ein essenzieller Makronährstoff, aber das bedeutet nicht, dass mehr immer besser ist“, sagt Dr. med. Katharina Hupa-Breier, Funktionsoberärztin für Ernährungsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und Sprecherin der AGr Ernährungsmedizin der DGVS. „Problematisch wird es insbesondere, wenn sich der Eindruck verfestigt, man brauche als gesunder Mensch täglich einen Proteinshake, um sich gut zu ernähren. Das stimmt schlicht nicht.“
Wie viel Protein ist wirklich nötig?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für gesunde Erwachsene eine tägliche Proteinzufuhr von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht (3). Bei einem Gewicht von 70 Kilogramm entspricht das 56 Gramm Eiweiß – eine Menge, die sich mit einer ausgewogenen Mischkost problemlos erreichen lässt. Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen, wie Krebs oder Leber- und Darmerkrankungen, können individuell einen höheren Bedarf haben – hier ist eine ärztlich begleitete Ernährungstherapie sinnvoll sein.
„In der Behandlung von Adipositas können proteinreiche Mahlzeitenersatzprodukte für ausgewählte Patientinnen und Patienten temporär ein sinnvolles Therapiekonzept darstellen, da insbesondere bei einer energiearmen Kost auf eine ausreichende Eiweißzufuhr geachtet werden sollte“, betont Dr. Hupa-Breier. „Was wir aber zunehmend beobachten, ist der Trend zur Dauerlösung im Alltag, unabhängig vom gesundheitlichen Status. Das ist aus ernährungsmedizinischer Sicht nicht sinnvoll.“
Künstliche Süßstoffe: Weniger Kalorien, mehr Hunger?
Viele Proteinshakes werden als zuckerfrei angeboten und enthalten künstliche Süßstoffe wie Sucralose oder Xylit. Zwei aktuelle Studien werfen einen kritischen Blick auf deren gesundheitliche Effekte: So zeigte eine Studie (1), dass Sucralose die Aktivität im Hypothalamus im funktionellen MRT steigert – einem Hirnareal, das für Hunger und Sättigung verantwortlich ist. Das subjektive Hungergefühl nahm bei den Probanden rund eine halbe Stunde nach dem Konsum deutlich zu.
„Künstliche Süßstoffe wie Sucralose senden dem Gehirn ein Signal von Süße, ohne die dazugehörige Energie zu liefern. Dadurch werden im Gehirn kurzfristig Prozesse beeinflusst, die an der Steuerung des Hungergefühls beteiligt sind“, erklärt Privatdozentin Dr. med. Monika Rau, Oberärztin an der Hepatologie der Medizinischen Klinik II des Universitätsklinikums Würzburg. Auch Veränderungen im Darmmikrobiom, die in experimentellen Studien mit dem Konsum von Süßstoffen in Verbindung gebracht wurden, könnten das Risiko für Übergewicht und Diabetes erhöhen. „So kann es bei manchen Menschen paradoxerweise zu ungünstigen Veränderungen der Hunger- und Sättigungssignale kommen.“
Risiken für Herz-Kreislauf und Stoffwechsel
Auch Xylit gerät zunehmend in die Kritik: Eine aktuelle Beobachtungsstudie (2) zeigt, dass erhöhte Xylit-Konzentrationen im Blut mit einem 57 Prozent höheren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall verbunden waren. Labordaten legen nahe, dass Xylit die Reaktivität der Blutplättchen erhöht und so die Gerinnselbildung begünstigen könnte. „Diese Ergebnisse unterstreichen, dass mögliche gesundheitliche Effekte von Zuckeraustauschstoffen differenziert betrachtet und auch langfristig untersucht werden sollten“, betont Dr. Rau.
DGVS-Empfehlung: Eiweiß ja – aber aus echten Lebensmitteln
Die DGVS plädiert für eine ausgewogene, proteinbewusste Ernährung auf Basis unverarbeiteter Lebensmittel. „Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Fisch, Eier oder Nüsse liefern hochwertiges Eiweiß – ganz ohne Zusatzstoffe“, so Frau Professorin Dr. med. Birgit Terjung, Mediensprecherin der DGVS. Wer nachhaltig ein paar Kilo abnehmen möchte, braucht keine Pulver oder Spezialprodukte. Für Patientinnen und Patienten mit starkem Übergewicht (4) kann eine therapeutisch begleitete Ernährung inklusive Mahlzeitenersatzphasen sinnvoll sein – aber eben nicht ohne fachliche Begleitung. Professorin Terjung fasst zusammen: „Gegen einen gelegentlichen Proteinshake ist nichts einzuwenden – sofern er eine ausgewogene Ernährung ergänzt und nicht ersetzt. Aber: Gesunde Ernährung beginnt nicht im Shaker, sondern auf dem Teller.“