Australien wird Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin B6 (Pyridoxin) ab 2027
deutlich strenger regulieren. Produkte mit mehr als 50 mg Vitamin B6 sollen dann apothekenpflichtig, Präparate mit mehr als 200 mg verschreibungspflichtig werden. Auslöser sind zahlreiche Meldungen von teils schweren sensomotorischen Polyneuropathien nach langandauernder Hochdosis-Supplementation.
Auch in Deutschland wächst die Sorge, dass B6-Präparate unterschätzt werden. „Eine Einschränkung der Freiverkäuflichkeit wäre auch hierzulande wünschenswert“, sagt Dr. Hans-Jürgen Gdynia, Chefarzt Neurologie an der m&i-Fachklinik Enzensberg in Hopfen am See. Präparate mit B-Vitaminen würden „in Apotheken, im Fernsehen, im Internet als nützlich für die Nerven beworben“. Das Problem sei, dass viele Menschen „frei verkäuflich mit ungefährlich gleichsetzen“. Dieser Glaube sei jedoch trügerisch.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
empfiehlt seit vergangenem Jahr Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren, über Nahrungsergänzungsmittel nicht mehr als 0,9 mg Vitamin B6 pro Tag aufzunehmen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hatte 2023 die tolerierbare Gesamttagesmenge für Erwachsene von ehemals 25 mg auf 12 mg pro Tag
abgesenkt. Mengen darüber stuft sie als nicht sicher ein. Bei Kindern gelten je nach Körpergewicht Obergrenzen von 2 bis 11 mg pro Tag.
Hochdosierte Präparate frei verkäuflich erhältlich
Trotz dieser sehr niedrigen Empfehlungen finden sich im deutschen Markt weiterhin zahlreiche Produkte mit 25 bis 50 mg Vitamin B6 pro Kapsel/Tablette, sowohl als Monopräparate als auch als Bestandteil hochdosierter Vitamin-B-Komplexe.
Untersuchungen zu Nahrungsergänzungsmitteln für Klein- und Vorschulkinder sowie
frühere Analysen von Sportlerpräparaten aus dem Internet zeigen, dass einzelne Produkte Vitamin-B6-Gehalte aufweisen, die die altersgerechten Referenzwerte bzw. die als sicher geltenden Höchstmengen um ein Vielfaches überschreiten.
Wie viele Menschen solche Produkte tatsächlich langfristig einnehmen, ist unbekannt. Studien erheben meist die Gesamtverwendung von Nahrungsergänzungsmitteln und nicht die gezielte B6-Supplementation. Kliniker beobachten jedoch, dass viele Patienten mehrere Präparate kombinieren und dadurch unbewusst hohe Gesamtdosen erreichen.
B6-assoziierte Polyneuropathien: „Nicht so selten wie man denkt“
Dass eine hohe B6-Zufuhr neurotoxisch wirken kann, ist seit Jahrzehnten bekannt. Bereits 1983
beschrieb eine Arbeitsgruppe im
New England Journal of Medicine Polyneuropathien bei New Yorker Models, die hochdosierte B6-Präparate zur Hautbräunung eingenommen hatten.
Neu ist jedoch, wie häufig solche Fälle heute auftreten. Beim diesjährigen DGN-Kongress präsentierte Gdynia mit Kollegen eine
Fallserie von 8 Patienten, die aufgrund einer B6-Hypervitaminose eine Polyneuropathie entwickelt hatten. „Und das sind nur Patienten, die über einen Zeitraum von 4 Jahren in unserer neurologischen Ambulanz vorstellig wurden“, betont er. „Es ist also nicht so selten, wie man denkt.“
Die Betroffenen hätten frei verkäufliche Präparate eingenommen – meist Vitamin-B-Komplexe, oft zur „allgemeinen Stärkung“, teils auf ärztliche Empfehlung. „Extrem hochdosierte Präparate braucht es gar nicht. Die Hypervitaminosen entstanden in allen Fällen durch Produkte aus Apotheke oder Drogeriemarkt“, so Gdynia.
B6 sollte in die Routinediagnostik bei Polyneuropathie
Gerade angesichts dieser Häufung fordert Gdynia, die diagnostische Praxis anzupassen. „Bei einer Polyneuropathie sollte man immer auch den B6-Spiegel kontrollieren“, sagt Gdynia. Viele Fälle würden übersehen, weil in der Anamnese nicht gezielt nach Supplements gefragt werde und B6 bei unklaren Neuropathien häufig nicht bestimmt werde.
Diese diagnostische Lücke sollte sich aus seiner Sicht in der
Leitlinie „Diagnostik bei Polyneuropathien“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie widerspiegeln, in welcher die Vitamin-B6-Bestimmung lediglich in bestimmten Fällen, aber nicht generell empfohlen wird. „Das gehört in die Routinediagnostik“, betont er. Der Grund: Eine B6-induzierte Neuropathie ist potenziell reversibel. „Nach Absetzen des Präparats kommt es in vielen Fällen zu einer schrittweisen Besserung, sofern die Schädigung nicht zu lange angedauert hat.“
Auch moderate Dosen können bei langfristiger Einnahme Schäden verursachen
In Australien wurden bis zur regulatorischen Entscheidung rund 250 Fälle von B6-induzierter Polyneuropathie gemeldet. Die Mehrheit betraf Menschen, die langfristig mehr als 100 bis 200 mg/Tag eingenommen hatten.
„Bei sehr hohen Dosen kann eine Polyneuropathie bei etwa 1 bis 4 % der chronisch Exponierten auftreten – immer noch selten, aber keineswegs vernachlässigbar“, sagt Prof. Dr. Peter Crack, Neuropharmakologe an der University of Melbourne, Australien, in einem Kommentar gegenüber dem australischen Science Media Centre. Auch moderate, aber über Monate bis Jahre anhaltende Dosen – etwa 50 mg/Tag – seien in Einzelfällen mit sensiblen Neuropathien in Zusammenhang gebracht worden.
„Neuropathien treten fast ausschließlich bei Nahrungsergänzungsmitteln auf, nicht durch die normale Ernährung“, betont Crack.
Irrglaube vom harmlosen wasserlöslichen Vitamin
In der Bevölkerung ist der Gedanke weit verbreitet, wasserlösliche Vitamine seien harmlos, da überschüssige Mengen wieder ausgeschieden würden. „Auch ich habe im Studium noch gelernt, dass nur fettlösliche Vitamine gespeichert werden und gefährlich werden können“, sagt Gdynia. „Aber auch zu viel Vitamin B6 kann offensichtlich großen Schaden im Körper verursachen.“
Das Bewusstsein für Hypervitaminosen sei „weder in der Bevölkerung noch in der Ärzteschaft ausreichend ausgeprägt“. Patienten berichteten selten proaktiv von selbst gekauften Präparaten, Ärzte fragten in der Diagnostik von Polyneuropathien oft nicht gezielt nach Nahrungsergänzungsmitteln.
Strengere Vorgaben notwendig
Mit der neuen EFSA-Bewertung hat das BfR 2024 vorgeschlagen, dass Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene nur noch 0,9 mg Vitamin B6 pro Tagesdosis enthalten sollten. Für Kinder gilt ein noch strengerer Rahmen. Rechtlich verbindlich sind diese Werte jedoch nicht. Das erklärt, warum in Drogerien und Online-Shops weiterhin Produkte mit 20- bis 50-fach höheren Gehalten erhältlich sind.
Gdynia plädiert daher für eine klarere Regulierung – ähnlich wie in Australien: „Auf die Gefahren, die von Hypervitaminosen ausgehen, wird nicht ausreichend hingewiesen. Da braucht es mehr Aufklärung und strengere Vorgaben.“
Der Beitrag ist im Original auf Medscape.de erschienen.