4 Kriterien für ein FUO
Zunächst klärte PD Dr. Arne Schneidewind (Universitätsklinikum Bonn) in seinem Vortrag, wie ein Fieber unklaren Ursprungs (FUO) definiert ist:
- > 38 °C (> 38,3 °C), je nach Literatur
- muss zu mehreren Zeitpunkten auftreten
- Dauer ≥ 3 Wochen
- 3 ambulante Untersuchungen oder 3 Tage stationäre Untersuchungen müssen erfolgt sein, nach denen die Ursache immer noch unklar ist
Fall: Fieberschübe, erhöhtes CRP, Schmerz im Becken
Um zu verdeutlichen, wie eine Ursachensuche bei FUO aussehen kann, stellte Schneidewind den Fall einer 38-jährigen Frau (155 cm, 57 kg, Body-Mass-Index 23,75 kg/m2) vor. Die Patientin berichtete von einem seit 3 Monaten sich progredient verschlechternden Allgemeinzustand und subfebrilen Temperaturen bis zu 38 °C. In den letzten 3 Wochen trat rezidivierendes, selbstlimitierendes Fieber bis max. 38,6 °C auf, im Schnitt jeden zweiten Tag. Zuletzt war zusätzlich Nachtschweiß hinzugekommen, und die Patientin fühlte sich müde und abgeschlagen. Zudem klagte sie über Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, sobald sie eine sitzende Position einnahm.
Die 38-Jährige stammte ursprünglich aus der Mongolei, lebte aber seit 1,5 Jahren in Deutschland und war dort als Wissenschaftlerin tätig. Als Vorerkrankung lag eine Hypertonie vor, und sie war als Kind wegen einer Nierenerkrankung einmal stationär im Krankenhaus gewesen. Sie gab an, Candesartan einzunehmen und bei Bedarf Ibuprofen. Allergien waren nicht bekannt, ihr Alkoholkonsum moderat. In der Labordiagnostik „sehen wir nichts richtig Spektakuläres“, kommentierte Schneidewind: Lediglich ein erhöhtes C-reaktives Protein (15,7 mg/l), eine leichte Anämie sowie eine leicht erhöhte alkalische Phosphatase (115 U/l).
Die bislang durchgeführte Diagnostik der Patientin umfasste ein unauffälliges Röntgen-Thorax, eine Steatosis hepatis im Ultraschall Abdomen, eine unauffällige transthorakale Echokardiographie, zwei sterile Blutkulturen und einen negativen Quantiferon-Test. Die Patientin hatte schon zwei empirische, antiinfektive Therapien hinter sich mit Azithromycin und Sultamicillin, die beide nicht gegen ihre Symptome geholfen hatten.
Bei der jetzigen körperlichen Untersuchung in der Klinik war „das einzige, was auffällt“, so Schneidewind, der Schmerz im unteren Rücken in sitzender Position. Genauer: Ein Druck- und Klopfschmerz der unteren Wirbelsäule, und ein deutlicher Druckschmerz links im Becken (visuelle Analogskala 3/10). Die aktuelle Körpertemperatur betrug 38,2 °C.
Bildgebung zeigte knöchernen Defekt im Becken mit Weichteilkomponente
Aufgrund der Rückenschmerzen übergaben die Ärztinnen und Ärzte die Patientin zunächst an die Chirurgie. Die dort angefertigte Bildgebung (CT, MRT T2-Wichtung) des Beckens zeigte eine ausgedehnte knöcherne Destruktion im Beckenraum (Ala ossis ilii, links), mit Überschreitung des Iliosakralgelenks und Infiltration der Massa lateralis ossis sacri. Außerdem zeigte sich eine ausgedehnte Weichteilkomponente, mit z. T. kalzifizierten intraläsionalen Spots. Zudem offenbarte die Bildgebung eine Infiltration des M. gluteus medius und des M. iliacus sowie eine Kontrastmittel-anreichernde Fascia thoracolumbalis.
Stand jetzt gibt es „noch nichts ganz falsches“ bei der Verdachtsdiagnose, konstatierte Schneidewind. In diesem Fall erwogen die Kolleginnen und Kollegen der Orthopädie in Zusammenschau mit der Radiologie eine maligne Entität (Osteo- oder Chondrosarkom) als erste wesentliche Verdachtsdiagnose.
Parasitäre Strukturen in der Histopathologie
In Konsequenz der Verdachtsdiagnose erfolgte eine Inzisionsbiopsie (knöchern und weichteilig). Die mikrobiologische Analyse ergab sterile Proben, die PCR auf Mycobakterien fiel negativ aus. Die Histopathologie offenbarte in der Probe nicht etwa humanes, malignes Gewebe, sondern reichlich azelluläres, teils lamelläres, geschichtetes Material in zystenartigen Hohlräumen. Es zeigten sich parasitäre Strukturen, einzelne neutrophile Granulozyten sowie bandartig angeordnetes, bräunliches, feingranuläres Material. Das Präparat wurde daraufhin an die Parasitologie zur Mitbeurteilung weitergereicht.
Diagnose: Zystische Echinokokkose des Knochens
In der Parasitologie wurde das Bild deutlich: Im Knochen zeigte sich die Wand einer Hydatidenzyste, bestehend aus einer azellulären, lamellären Schicht, und einer darunter liegenden zellulären, einschichtigen Keimschicht, von der aus sich Brutkapseln bildeten und in denen sich zahlreiche Kopfanlagen (Protoscolices) befanden.
Die Ärztinnen und Ärzte diagnostizierten eine zystischen Echinokokkose des Knochens und angrenzenden Weichgewebes durch Echinococcus granulosus (Hundebandwurm). Für den Bandwurm ist der Mensch ein Fehlwirt, erklärte Schneidewind: Der adulte Hundebandwurm lebt normalerweise im Hund. Scheidet der Hund infektiöse Eier aus, können diese von Schafen aufgenommen werden. Ernährt sich der Hund dann wiederum z. B. von Schaf-Karkassen, nimmt er Zysten auf und es wächst wieder ein adulter Wurm im Dünndarm des Hundes heran. Nehme der Mensch hingegen Eier auf, durchwandern sie die Darmwand und enden meist in der Leber, seltener in der Lunge und ganz selten in Gehirn, Knochen oder Milz.
Patientin hatte engen Kontakt mit Hund und Nutztieren
In der daraufhin durchgeführten erweiterten, gezielten Anamnese gab die Frau an, in der Großstadt Ulan Bator (Mongolei) aufgewachsen zu sein. Sie habe dort auch in der Landwirtschaft gearbeitet und viele Urlaube „auf dem Lande“ verbracht, mit engem Kontakt zu Hunden und anderen Nutztieren. Tatsächlich zeigt die
globale Verteilung der zystischen Echinokokkose v. a. im Osten der Mongolei an der Grenze zu China eine hohe Prävalenz.
2 Die ergänzende Diagnostik ergab dann eine positive Echinokokken-Serologie und die Referenzpathologie bestätigte die Speziesbestimmung. Die PET-CT zeigte keine weiteren Absiedelungen im Körper der Patientin.
Nach interdisziplinärer Bewertung entschieden sich die Ärztinnen und Ärzte für eine dauerhafte Albendazol-Therapie (antihelminthisch) unter Kontrollen auf Toxizität und Spiegelkontrollen. Vorübergehend ergänzt wurde die Therapie mit Praziquantel. Dabei gelte es, auf die Albendazol-Spiegel zu achten, da diese „deutlich in die Höhe rauschen“ könnten. Nach weiterer interdisziplinärer Besprechung wurde anschließend weiter zunächst konservativ behandelt. Innerhalb des darauffolgenden halben Jahres waren die Symptome zurück gegangen und gut tolerabel. Die Patientin war voll mobil und im MRT zeigte sich ein stabiler Befund. Weitere Follow-Ups waren nicht möglich, da der wissenschaftliche Aufenthalt der Patientin zu Ende ging und sie zurück in die Mongolei reiste, schloss Schneidewind den Vortrag.