Der 51-jährige Mann stellte sich in der Interdisziplinären Allergie-Ambulanz des Forschungszentrums Borstel vor. Seit etwa 5 bis 6 Jahren bestanden bei ihm unregelmäßige gastrointestinale (GI) Beschwerden, die etwa 3 Stunden nach dem Essen auftraten. Weitere Symptome hatte er nicht, er klagte jedoch über eine deutliche Zunahme der Beschwerden. Deshalb hatte er bereits im Internet recherchiert und äußerte den Verdacht auf ein Alpha-Gal-Syndrom.
Befunde
Zur Allergiediagnostik wurde ein Nachweis von Immunglobulin E (IgE) gegen gängige Nahrungsmittel durchgeführt. Es zeigten sich folgende erhöhte IgE-Werte (positives Ergebnis bei > 0,35 kU/L):
- Gesamt IgE: 807 IU/L
- Rindfleisch: 8,8 kU/L
- Schweinefleisch: 3,86 kU/L
- Hammelfleisch: 0,58 kU/L
- Bos d 6: negativ (Serumalbumin)
- Alpha-Gal:
23,8 kU/L
- Gelatine: negativ
Nahrungsmittelallergie gegen Disaccharid Alpha-Gal
Aufgrund der deutlich erhöhten IgE-Werte gegen Säugetierfleisch und Alpha-Gal wurde bei dem Patienten eine endoluminale Nahrungsmittelallergie auf Alpha-Gal diagnostiziert. Das Alpha-Gal-Syndrom (AGS) ist eine Nahrungsmittelallergie des Typ-I auf das Disaccharid Galactose-alpha-1-3-Galactose (2).
„Das Alpha-Gal-Syndrom ist deswegen besonders, weil es nicht von einem Protein, sondern von einem Kohlenhydrat – einem Disaccharid – ausgelöst wird“, erklärte Jappe. „Es ist auch deswegen besonders, weil der Sensibilisierungsweg über Zeckenstiche geht. Es ist eine Zecken-übertragbare Allergie.“
Die Diagnose sei zudem durch die verzögerte Anaphylaxie erschwert. Die Symptome treten einige Stunden nach dem Essen auf und betreffen nicht nur die Haut, sondern auch – oder bei manchen Patienten nur – den GI-Trakt. Dies sei besonders relevant für die hausärztliche Praxis, weil die Betroffenen oft differentialdiagnostisch mit anderen Darmerkrankungen falsch diagnostiziert würden, betonte Jappe. „Fragen Sie nach Zeckenstichen und nach dem Intervall.“
In einer Analyse, durchgeführt von den Forschenden um Jappe, zeigte sich bei Betroffenen mit Alpha-Gal-Syndrom ein breites klinisches Symptomspektrum: Symptome der Haut, des GI-Trakts und der Atemwege waren dabei am stärksten ausgeprägt, die Beschwerden betrafen aber auch das Herz-Kreislauf-System oder waren multifaktoriell (3).
Die Reaktion auf Alpha-Gal wird durch rotes Säugetierfleisch ausgelöst, Geflügelfleisch oder Fisch werden in der Regel vertragen. Auch bestimmte Arzneimittel, die tierische Bestandteile enthalten, können ein Alpha-Gal-Syndrom (AGS) auslösen (2).
Alpha-Gal-Syndrom durch Zeckenstich
Die Hauptmerkmale des AGS sind IgE-Antikörper, ausgelöst durch einen Zeckenstich der Zecke Amblyomma americanum, vorwiegend in den USA, oder durch andere Zeckenarten, die eine Sensibilisierung gegenüber Alpha-Gal auslösen. Das Syndrom äußert sich durch eine anaphylaktische Reaktion mit einer Verzögerung von 3 bis 5 Stunden auf Nahrungsmittel, die von Nicht-Primaten stammen (2).
Eine natürliche Reaktion auf Alpha-Gal wird über die Antikörper IgM, IgG und IgA vermittelt, jedoch nicht über IgE. Es wird vermutet, dass durch wiederholte Zeckenstiche die T-Zellen ein starkes Signal über Interleukin-4 und -13 vermitteln, und so eine IgE-Produktion durch B-Zellen stimulieren (2).
Die Verzögerung zwischen dem Verzehr von Säugetierfleisch und dem Auftreten allergischer Reaktionen spiegelt höchstwahrscheinlich die Zeit wider, die für die Verdauung, Aufnahme und Verarbeitung von Alpha-Gal benötigt wird, das in Glykolipiden vorliegt. Da diese Verzögerung oft 3 Stunden oder länger beträgt, handelt es sich bei den Partikeln, die fremde Glykolipide transportieren, höchstwahrscheinlich um Low Density Lipoproteine (LDL) (2).
Wenn auf entsprechende von Säugetieren stammende Lebensmittel verzichtet wird, bessern sich die Symptome. Erhöhten IgE-Spiegeln kann jedoch nur durch eine Vermeidung von Zeckenstichen vorgebeugt werden.
Additive Faktoren, die die Reaktion verstärken können, sind:
- Fettreiche Mahlzeiten
- Hohe Konzentration an Alpha-GAL
- Körperliche Belastung
- Aktualität der Zeckenstiche
(„Boosterung" durch erneute Zeckenstiche)
Dieser Beitrag ist im Original bei Univadis.de erschienen, Teil des Medscape Professional Network.