Die atopische Dermatitis (AD) beginnt meist im frühen Kindesalter und zählt zu den häufigsten chronisch‐entzündlichen Hauterkrankungen. Pathophysiologisch ist sie durch eine Dysfunktion der Hautbarriere und Typ-2-Inflammation gekennzeichnet.
In der Praxis stellt sich immer wieder die Frage, wie sich die Erkrankung langfristig entwickelt: „Wächst sich das aus?“ oder „Welche Personen tragen ein erhöhtes Risiko für einen chronischen Verlauf?“ Verlässliche Antworten darauf fehlten bislang, weil nur wenige prospektive Studien Betroffene von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleitet haben.
Eine aktuelle Auswertung der deutschen Multicenter Allergy Study (MAS), veröffentlicht in
JAMA Network Open, liefert nun differenzierte Einblicke in Inzidenz, Remission und Verlaufsformen der AD über einen Zeitraum von 30 Jahren.¹
Studiendesign
Die MAS ist eine bevölkerungsbasierte prospektive Geburtskohortenstudie, die 1990 in 5 deutschen Städten initiiert wurde. Insgesamt wurden 1.314 Termingeborene Personen eingeschlossen. Die Kohorte war leicht risikoangereichert: Rund 38 % der Teilnehmenden hatten ein erhöhtes Allergierisiko aufgrund familiärer Vorbelastung oder erhöhter IgE-Werte im Nabelschnurblut.
Über 30 Jahre hinweg erfolgten insgesamt 20 Follow-up-Untersuchungen auf AD mittels standardisierter Eltern- bzw. Selbstauskunftsfragebögen sowie klinischer Untersuchungen. Zusätzlich wurden zu 9 Zeitpunkten Serumproben entnommen, um Sensibilisierungen gegenüber häufigen Nahrungs- und Aeroallergenen zu erfassen.
AD wurde anhand standardisierter Kriterien definiert, basierend auf Symptomen, ärztlichen Diagnosen und klinischer Beurteilung. Eine Remission lag vor, wenn über mindestens 12 Monate keine AD-typischen Symptome berichtet wurden. Ziel der Analyse war es, Inzidenz und Prävalenz der AD, die Wahrscheinlichkeit einer Remission sowie unterschiedliche Remissionsverläufe zu beschreiben und mit frühen Risikofaktoren in Beziehung zu setzen.
AD Gipfel schon in den ersten Lebensjahren
Laut den Ergebnissen der Studie ist die AD überwiegend eine Erkrankung des frühen Lebensalters. Die Prävalenz lag zwischen dem 1. und 5. Lebensjahr konstant über 20 % und nahm danach kontinuierlich ab. Zwischen dem 6. und 20. Lebensjahr bewegte sie sich bei etwa 10–15 %, stieg jedoch im Alter von 30 Jahren wieder leicht an.
Auch die Inzidenz folgte diesem Muster: Die höchste Rate neuer AD-Fälle wurde im Alter von 1–2 Jahren beobachtet, danach nahm sie stetig ab und erreichte um das 13. Lebensjahr ein Minimum. Im jungen Erwachsenenalter zeigte sich erneut ein moderater Anstieg. Kinder mit mindestens einem allergischen Elternteil wiesen über alle Altersstufen hinweg höhere Inzidenz- und Prävalenzraten auf als Kinder ohne entsprechende familiäre Vorbelastung.
Hohe Remissionsrate bis zum Erwachsenenalter
Eine der zentralen und für die Praxis besonders relevanten Erkenntnisse: Die Langzeitprognose der frühen AD ist insgesamt günstig. Von den Teilnehmenden mit AD-Beginn vor dem 15. Lebensjahr waren 87 % im Alter von 20 und 30 Jahren symptomfrei. Besonders hoch war die Remissionsrate bei Personen mit Erkrankungsbeginn im Vorschul- oder Schulalter.
Auch für die häufigste Gruppe – Kinder mit AD-Beginn in den ersten 5 Lebensjahren – zeigte sich ein deutlicher altersabhängiger Anstieg der Remissionen. Spätestens im jungen Erwachsenenalter erreichten viele Gruppen Remissionswahrscheinlichkeiten nahe 100 %.
Vier Remissionstrajektorien beschreiben unterschiedliche Verläufe
Mithilfe eines Growth-Mixture-Modells identifizierten die Forschenden 4 klar unterscheidbare Remissionstrajektorien bei Personen mit früh beginnender AD (n = 658):
- Frühe Remission im Kleinkindalter (ca. 27 %)
- Remission im frühen Schulalter (ca. 44 %)
- Substanzielle Remission während der Adoleszenz mit einer Remissionswahrscheinlichkeit > 0,5 über 30 Jahre (ca. 18 %)
- Partielle Remission erst im Erwachsenenalter (ca. 12 %)
Die beiden letztgenannten Gruppen wurden als „persistenter Phänotyp“ zusammengefasst, da hier über viele Jahre hinweg eine geringere Wahrscheinlichkeit der vollständigen Symptomfreiheit bestand. Die Ergebnisse legen nahe, dass AD nicht nur remittiert oder persistiert, sondern sehr variable Verläufe über die Zeit zeigen kann.
Frühe Marker weisen auf ein Risiko für Persistenz hin
Mehrere früh im Leben erfassbare Faktoren waren mit einem erhöhten Risiko für einen persistenteren AD-Verlauf assoziiert. Dazu zählten:
- Erkrankungsbeginn innerhalb der ersten 2 Lebensjahre
- weibliches Geschlecht
- frühe allergische Sensibilisierung gegen mindestens ein häufiges Allergen
- allergische Rhinitis im Alter von 3 bis 5 Jahren
- Allergisches Asthma im Alter von 6 Jahren
Diese Faktoren erhöhten die Wahrscheinlichkeit, einem persistenteren Remissionsphänotyp anzugehören, teils deutlich. Die elterliche Allergieanamnese spielte hingegen – nach Adjustierung – eine geringere Rolle für die langfristige Remission als erwartet.
Fazit
Die 30-jährige prospektive Geburtskohortenstudie zeigte, dass sich die atopische Dermatitis in den meisten Fällen bis zum jungen Erwachsenenalter zurückbildet. In der Praxis erlaubt dies eine realistische Prognose, ohne potenzielle Risikokonstellationen zu übersehen. Insbesondere die Kombination aus sehr frühem Krankheitsbeginn, allergischer Sensibilisierung und respiratorischer Komorbidität sollte den Autorinnen und Autoren zufolge dabei beachtet werden. Die Berücksichtigung dieser Faktoren könnte dabei helfen, bereits frühzeitig ein angemessenes Vorgehen für eine Langzeitbetreuung abzustimmen und gegebenenfalls Personen zu identifizieren, die von immunmodulierenden Therapien profitieren könnten. Es sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig, insbesondere zu Assoziationen zwischen AD im Kindesalter und anderen allergischen Komorbiditäten wie allergischer Rhinitis oder Asthma.
Limitationen der Studie
Die Autorinnen und Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen hin. Trotz des langen Follow-ups änderten sich im Studienverlauf Definitionen und Erhebungsmethoden der AD, was die Vergleichbarkeit über die Zeit erschwert. Wichtige Einflussfaktoren wie Krankheitsschwere (z. B. Scoring AD scores [SCORAD]) oder filaggrin-Genmutationen konnten aufgrund unvollständiger Daten nicht systematisch berücksichtigt werden.
Zudem kam es zu einem relevanten Verlust von Teilnehmenden bis zum 30-Jahres-Follow-up (nur 482 der Teilnehmenden nahmen auch nach 30 Jahren noch teil), was eine Selektionsverzerrung begünstigen könnte. Schließlich ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere ethnische Gruppen begrenzt, da die Kohorte überwiegend aus weißen Teilnehmenden (> 90 %) bestand.