Nur ein Beispiel für eine zunächst harmlos erscheinende Verletzung mit schwerwiegenden Folgen haben Schweizer Mediziner um Livia Baldini (Tösstalpraxis Turbenthal) kürzlich im Fachmagazin
„Innere Medizin“ beschrieben. Betroffen war eine ältere Frau.
Die 63-jährige Frau kam aufgrund eines seit fünf Tagen bestehenden hohen Fieberzustands (bis zu 40 °C), Petechien an den Unterschenkeln und Schmerzen der Sprunggelenke ins Krankenhaus. Wegen des Fiebers, der schweren Thrombozytopenie und einer Nierenfunktionseinschränkung wurde die Frau stationär aufgenommen. Die ansonsten gesunde Patientin arbeitete nach Angaben der Autoren als Pflegefachfrau bei einer Drogenabgabestelle, war kürzlich nicht gereist, beklagte keinen Gewichtsverlust oder Nachtschweiß und nahm keine Medikamente ein.
Die gestellte Hauptdiagnose war den Autoren zufolge eine Capnocytophaga-canimorsus-Bakteriämie. Als Eintrittspforte sei die Wunde am Unterschenkel identifiziert worden. Die schwere Thrombopenie sei als wahrscheinlich reaktiv auf diese Diagnose eingestuft worden.
Obwohl laut Baldini und ihre Kollegen die Patientin zum Zeitpunkt der Positivmeldung der Blutkulturen bereits fieberfrei und in gutem Allgemeinzustand entlassen worden war, wurde aufgrund des möglichen schweren Verlaufs eine antibiotische Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure (3× 1g oral über sieben Tage) durchgeführt. Die Behandlung habe zu einer kompletten Erholung geführt. Klinische und labortechnische Nachkontrollen hätten eine vollständige Abheilung der Läsion am Schienbein und eine Normalisierung der Thrombozyten ergeben.
Aus diesem Fall ergeben sich laut Baldini „folgende wichtige Punkte für die klinische Praxis:
Dieser Fall, so Baldini, unterstreiche die Notwendigkeit, auch Bagatell-Verletzungen ernst zu nehmen, wenn ein Kontakt mit Tieren (z. B. Ablecken durch einen Hund) stattgefunden habe, da der Erreger Capnocytophaga canimorsus in der Regel harmlos bei Haustieren sei, aber bei Menschen insbesondere bei Vorliegen bestimmter Risikofaktoren zu schweren Verläufen führen könne.
Ein besonders hohes Infektionsrisiko zeichne Biss-Verletzungen aus, weil sie zu Wunden mit einer hohen Keimzahl und einer breiten Keimvielfalt führten, heißt es in einer Übersichtsarbeit zu
Bagatell-Verletzungen der Hand. Der menschliche Speichel etwa enthalte über 100 Mio. Keime/ml und über 42 verschiedene Bakterienstämme.
Besonders gefährlich seien Zahnschlagverletzungen, weil es bei einem Faustschlag zu einer Inokulation der Keime direkt in die Fingergrundgelenke kommen könne. Zudem würden betroffene Patienten aus Schamgefühl häufig erst spät ärztliche Hilfe aufsuchen.
Bei Katzenbissen dringen nach weiteren Angaben der Autoren die scharfen Zähne leicht bis zum Knochen vor. Es entstünden Eintrittspforten, die dazu neigten, sich spontan zu verschließen, wobei sich in der Tiefe Abszesse bildeten. Das Infektionsrisiko bei Katzenbissen werde auf 30–50 % beziffert. Bei Hundebissen dagegen entstünden Riss-Quetsch-Wunden mit teils erheblichen Gewebeschäden. Hundebisse seien zwar häufiger als Katzenbisse, hätten jedoch ein etwas geringeres Infektionsrisiko von 2–29 Prozent.
Eine besondere Gefahr gehe von kleinen Fremdkörperverletzungen aus, weil sie zunächst gar nicht beachtet würden. Hierzu gehörten häufig Holzspreißel und Pflanzendornen. Letztere seien zudem Träger von zahlreichen aeroben und anaeroben Bakterien einschließlich der virulenten Keime Clostridium perfringens und Clostridium tetani. Rosendornen führten gelegentlich zu einer Inokulation von Sporothrix schenckii. Auch könnten bestimmte Fremdkörper Giftstoffe abgeben, z. B. Seeigelstacheln, aber auch Pflanzendornen.