Die Einleitung einer Therapie mit GLP-1-Analoga war bei Frauen, Personen, die sich einer Schlauchmagenoperation unterzogen hatten und bei Personen mit einer größeren Zunahme des Body-Mass-Index (BMI) häufiger als bei ihren Pendants.
In ihre retrospektive Kohortenstudie hatten Prof. Dr. Hemalkumar B. Mehta, Abteilung für Epidemiologie der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, und sein Team 112.858 Personen eingeschlossen, die sich zwischen Januar 2015 und Mai 2023 einer bariatrischen Operation unterzogen und in den 12 Monaten vor der Operation keine GLP-1-Analoga eingenommen hatten. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 45,2 Jahren, und 88.994 Personen (78,9%) waren weiblich. Insgesamt 15.749 Personen (14%) begannen nach der Operation mit der Einnahme von GLP-1. Der Gesamtmedian (IQR) des BMI vor Beginn der GLP-1-Therapie lag bei 42,0 (38,3–45,6).
Regressionsmodelle zeigen, dass weibliche Patienten (adjustierte Hazard Ratio [aHR] 1,61; 95%-Konfidenzintervall 1,54–1,69), Patienten, die sich einer Schlauchmagenoperation unterzogen hatten (aHR: 1,42) und Patienten mit Typ-2-Diabetes (aHR: 1,34) eher mit der Einnahme von GLP-1-Analoga begannen als ihre Pendants.
Jeder Anstieg des postoperativen BMI um eine Einheit war mit einem Anstieg der Wahrscheinlichkeit der Einleitung einer GLP-1-Therapie um 8% verbunden (aHR: 1,08). „Dass nach einer bariatrischen Operation eine Therapie mit GLP-1-Analoga initiiert wird, ist nicht ungewöhnlich und steht im Zusammenhang mit soziodemografischen und klinischen Faktoren“, kommentieren Mehta und seine Kollegen ihre Ergebnisse.
In Leipzig nehmen weniger als 5% postoperativ ein GLP-1-Analogon
Vergleichbare Zahlen, wie häufig GLP-1-Analoga nach bariatrischen Operationen eingesetzt werden, gibt es für Deutschland nicht, bestätigt Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene am Universitätsklinikum Leipzig und Sprecher der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). In der Adipositas-Ambulanz in Leipzig nehmen weniger als 5% der Betroffenen nach bariatrischer Operation ein GLP-1-Analogon.
„Eingesetzt werden sie nach bariatrischen Operationen, beispielsweise um eine erneute Gewichtszunahme zu verhindern, um die Diabetestherapie zu optimieren – dann werden sie von den Kassen erstattet – oder das Dumping-Syndrom etwas zu mildern, denn es gibt Hinweise, dass GLP-1-Analoga die Symptomatik mildern könnten“, berichtet Blüher. Insgesamt zeigen ca. 20 bis 50% der Patienten nach Magenoperationen Symptome des Dumping-Syndroms – man versteht darunter einen Symptomenkomplex aus abdominellen Beschwerden und Störungen der Vasomotorik.
Läuten GLP-1-Analoga nach OP ein neues therapeutisches Paradigma ein?
Dass nach Absetzen der GLP-1-Analoga eine Gewichtszunahme folgt, ist auch nach bariatrischen Operationen so, bestätigt Blüher. Aber häufig brauchten die Patienten nach der Operation nur einen Anschub. „Es gibt allerdings noch keine langfristigen Erfahrungen, wie lange man nach bariatrischer Operation Medikamente einsetzen sollte, auch Studiendaten dazu fehlen“, so Blüher. Dass GLP-1-Analoga nach bariatrischen Operationen in Deutschland nicht so häufig genutzt werden, dürfte auch damit zu tun haben, dass sie auch nach Schlauchmagen oder Magen-Bypass eine Selbstzahlerleistung sind.
In ihrem begleitenden Kommentar heben Dr. Kate V. Lauer, Dr. David A. Harris und Dr. Luke M. Funk von der Chirurgischen Abteilung der University of Wisconsin-Madison hervor, dass die bariatrische Chirurgie „nach wie vor die wirksamste Behandlungsmethode für schwere Adipositas ist“ [2]. Patienten erlebten in der Regel innerhalb des ersten Jahres nach der Operation einen Gewichtsverlust von etwa 30%, der häufig mit einer Remission von mit Adipositas verbundenen Komorbiditäten wie Bluthochdruck und Diabetes einhergehe.
Allerdings, so die Kommentatoren weiter, „erreichen fast 20% der Patienten nie den erwarteten Gewichtsverlust, und 20% bis 30% der operierten Patienten nehmen wieder deutlich zu und/oder erleben ein Wiederauftreten der Komorbiditäten.“ In der Vergangenheit seien Verhaltenstherapien und Revisionsoperationen die Hauptbehandlungen für eine erneute Gewichtszunahme nach einer bariatrischen Operation gewesen. Mit dem Aufkommen von GLP-1-Analoga und anderen Inkretinmimetika verschiebe sich das therapeutische Paradigma.
Der Beitrag ist im Original auf Medscape.de erschienen.