Ein Kommentar von George D. Lundberg, MD
Puls und Atemfrequenz gelten seit vielen Jahrhunderten als „Vitalparameter“. Die klinische Messung der Körpertemperatur fand Mitte des 17. Jahrhunderts breite Akzeptanz, und um 1900 kam der Blutdruck hinzu, als Stethoskope und Blutdruckmessgeräte allgemein gebräuchlich wurden. Und obwohl Schmerz einige Jahrzehnte lang als fünfter Vitalparameter propagiert wurde, passte er nie wirklich dazu – nicht zuletzt, weil Schmerz ein subjektives Symptom und kein objektiv messbares Zeichen ist. Ich schlage vor, die tägliche Schrittzahl als fünftes Vitalzeichen hinzuzufügen.
Die Begründung
Wenn man „vital“ als absolut notwendig, unverzichtbar und essenziell definiert, dann sind Puls und Atmung eine Klasse für sich – man ist entweder lebendig oder tot. Definiert man „vital“ jedoch als wichtig, entscheidend, bedeutungsvoll und signifikant, dann zählt die Schrittzahl ebenso zu den Vitalparametern wie Temperatur und Blutdruck.
Die vier traditionellen Vitalparameter gelten allgemein als wertvoll für die Überwachung der Gesundheit. Das Erkennen von Abweichungen bei diesen Vitalparametern ist hilfreich, um bestimmte Grunderkrankungen zu erkennen, aber für sich genommen sind diese Parameter von Natur aus wenig spezifisch. Dank der Genauigkeit und der weit verbreiteten Verwendung von „tragbaren” Messgeräten (Wearables) erfüllt die tägliche Schrittzahl nun die Voraussetzungen, um als fünfter Vitalparameter zu gelten. Denn um gehen zu können, muss beim Menschen eine Vielzahl normaler anatomischer, physiologischer und psychologischer Funktionen zusammenwirken. Die Messung der täglichen Schrittzahl kann dabei helfen, die Funktionsfähigkeit folgender Bereiche zu überwachen:
- Das Rückenmark und die sensorischen und motorischen peripheren Nerven der unteren Extremitäten
- Knochen, Gelenke, Knorpel, Sehnen, Bänder und sogar Schleimbeutel von der Taille abwärts
- Herzzeitvolumen und Durchgängigkeit der koronaren und peripheren Arterien
- Vestibulärer Apparat und Propriozeption für das Gleichgewicht
Signifikante Abweichungen in einem der oben genannten Bereiche können sich auf die tägliche Schrittzahl auswirken.
Mögliche Einwände
Einige Kritiker werden Einwände dagegen haben, da die tägliche Schrittzahl stark vom Willen beeinflusst wird. Ich halte dies jedoch für einen Vorteil, da die Schrittzahl auch als Indikator für die psychische Gesundheit dienen kann, indem sie Gedanken, Motivation, Ausdauer, Stimmung und Einstellungen widerspiegelt. Wie wichtig sind all diese Faktoren?
Man könnte auch argumentieren, dass die vier Vitalparameter unwillkürliche Zustände darstellen und daher objektiv sind. Dies trifft teilweise zu, jedoch werden Puls, Atemfrequenz und Blutdruck auch durch individuelle Handlungen und Umstände beeinflusst. Daher sollte auch die „Subjektivität” der Schrittzahl kein Ausschlusskriterium sein.
Für jedes neue Vitalzeichen müssten Referenzbereiche für verschiedene Bevölkerungsgruppen festgelegt werden. Da jedoch viele Datenbanken bereits eine Fülle von Real-World-Daten enthalten, sollte es relativ einfach sein, Referenzbereiche oder Normalwerte zu definieren.
Meine persönliche Erfahrung
Im Jahr 2019 habe ich Medscape-Leserinnen und Lesern Tipps zum Thema „Wie man alt wird, ohne gebrechlich zu werden” gegeben.
Wie man sich vorstellen kann, verliefen meine Jahre zwischen 85 und 92 nicht ohne Krankheiten – einige davon waren nicht trivial. Wenn ich auf diese Jahre zurückblicke, stelle ich fest, dass die Sensitivität meiner täglichen Schrittzahl bei der Erkennung von Krankheiten genauso gut war wie jene der vier Vitalparameter. Und als integrierte Messgröße für mehrere Körpersysteme können Abweichungen in der Schrittzahl eine vielversprechendere Messgröße für einen Diagnosealgorithmus darstellen als alle anderen Vitalparameter. Die tägliche Schrittzahl ist ein sehr sensitiver und leicht zugänglicher Marker.
Also, tretet beiseite, vier Vitalparameter – und macht Platz für Nummer fünf: die tägliche Schrittzahl.
Dieser Beitrag ist im Original erschienen bei Medscape.com.