In der bislang
größten randomisierten, doppelt-verblindeten klinischen Untersuchung erhielten 108 Teilnehmende mit einem Body-Mass-Index von ≥ 30 kg/m² entweder wöchentliche Injektionen von 2,4 mg Semaglutid oder ein Placebo, jeweils begleitet von einer Psychotherapie.
1 Die Ergebnisse sind vielversprechend: Die Gruppe, die den Wirkstoff erhielt, verzeichnete eine deutliche Abnahme der „Heavy Drinking Days“ – also jener Tage, an denen riskante Mengen Alkohol konsumiert wurden.
Prof. Dr. Patrick Bach, Leiter der Arbeitsgruppen Verhaltenssüchte und Neuroenhancement am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, ordnet die Relevanz dieser Daten ein: „Die Effektgrößen liegen im mittleren Bereich. [...] Das ist klinisch relevant, besonders weil für die bisher zugelassenen Medikamente – wie Acamprosat und Naltrexon – lediglich kleine bis moderate Effekte beobachtet wurden.“ Neben der reduzierten Trinktage sank auch das subjektive Verlangen nach Alkohol (Craving). Dr. Sophia Khom-Steinkellner, Assistenzprofessorin am Department für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Wien, ergänzt: „Das spricht dafür, dass diese Substanzklasse mehr sein könnte als nur ein indirekter Effekt über Gewichtsreduktion oder verändertes Essverhalten.“
Die Wirkung von Semaglutid scheint tief in die neurobiologischen Mechanismen der Sucht einzugreifen. Tierexperimente deuteten bereits darauf hin, dass GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid die Dopaminausschüttung im Belohnungszentrum des Gehirns drosseln, wenn Alkohol konsumiert wird. Dr. Khom-Steinkellner veranschaulicht diesen Prozess: „Insgesamt spricht vieles dafür, dass GLP-1-Signalwege wie eine Art natürliches Bremssystem für belohnenden Substanzkonsum wirken.“
Da sich die Belohnungs- und Hormonsysteme bei Übergewicht (Stichwort „Food Addiction“) und Alkoholabhängigkeit überschneiden, ist der Wirkstoff ein plausibler Kandidat für Patientinnen und Patienten, die unter beiden Bedingungen leiden.
Dennoch mahnen Fachleute zur Vorsicht. Ein Kritikpunkt ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse: Da die Studie ausschließlich Teilnehmende mit Adipositas einschloss, bleibt unklar, ob normalgewichtige Personen gleichermaßen profitieren. Zudem fehlt es an Langzeitdaten. „Es lässt sich spekulieren, dass auch beim Suchtverhalten eine Rückkehr zum Ausgangszustand nach Absetzen der Medikamente plausibel ist“, gibt Prof. Bach zu bedenken und verweist auf ähnliche Rebound-Effekte bei der Gewichtsabnahme.
Auch die Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen: In der Studie klagten Teilnehmende vermehrt über gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen, was bei 7 % der Semaglutid-Gruppe sogar zum Abbruch der Behandlung führte.
Semaglutid könnte das Potenzial haben, das pharmakologische Behandlungsspektrum der Alkoholabhängigkeit zu erweitern. Die Studie markiert einen Meilenstein, da sie zum ersten Mal die Wirksamkeit dieses Medikaments in einer randomisiert-kontrollierten Humanstudie gegen Alkoholsucht zeigt. Sollten Folgestudien die Ergebnisse bestätigen, könnte der Wirkstoff künftig auch bei anderen Abhängigkeiten wie Nikotin- oder Opioidkonsum eine Rolle spielen, deutet Dr. Khom-Steinkellner an.