Dieser Beitrag von Hanna Kirsch, M.D., Ph.D, erschien im Original im New England Journal of Medicine und wurde übersetzt und zusammengefasst.1
Das Verhältnis der Ärztin Hannah Kirsch zu ihrer Mutter war nicht unbedingt das Beste. Als sie in ihren 20er war, konnten Monate vergehen, ohne dass die beiden ein Wort wechselten. Sie stritten über alles – angefangen von Geld, über Politik, das Verhältnis zu anderen Familienmitgliedern und ihre Frisur. Auch nachdem bei der Mutter Krebs diagnostiziert worden war, blieb das Verhältnis angespannt. Charisma und Starrköpfigkeit trugen gleichermaßen dazu bei, dass ihre Mutter über längere Zeit mit geringer Hilfe im Alltag zurechtkam.
Als Ärztin die Palliativpflege für nahe Angehörige zu organisieren, hat auch seine Vorteile, schildert Hanna Kirsch, die in der Neurointensivmedizin und Palliativforschung arbeitet. Das medizinische Team der Mutter verschrieb auf Vorschlag der Tochter hin gerne Mirtazepin und sie konnte schnell ein neurologisches Konsil organisieren, als Levetiracetam ihre Mutter in ein „bockiges Monster“ verwandelte. Dass die Prognose nicht gut war, war ihr von Anfang an klar, berichtet Hannah Kirsch: „Ich musste nie nach ihrer Prognose fragen, während sich meine Brust zusammenschnürte und ich darauf wartete, dass ein Arzt mir sagt, ob ‚es‘ schlimm ist.“
Krebsdiagnose mehr als fünf Jahre überlebt
Als 2020 eine maligne Darmobstruktion durch das metastasierte BRAF-mutierte Kolonkarzinom diagnostiziert wurde und Hannah davon ausging, ihre Mutter spätestens 2023 zu verlieren, lebte sie entgegen aller Wahrscheinlichkeiten weiter. 2024 kamen dann noch Hirnmetastasen hinzu, die sie auch länger überlebte als erwartet. Sie akzeptierte alle Therapieangebote wie Bestrahlung, Chemotherapie und Biologika, fragte aber auch nicht aktiv danach.
Das erste Mal, als die Mutter ihre Tochter bat, sie zu töten, hatte diese ihr gerade einen Protein-Shake gebracht, da sie in Bezug auf Essen sehr wählerisch geworden war. Sie nippte, schluckte und sagte „Kannst du mir nicht einfach Seconal besorgen? Warum soll ich länger warten?“ Hannah, die Tochter, konterte sofort „Das wäre Mord, ich verliere meine Zulassung und muss ins Gefängnis“. Hannah, die Ärztin, nahm aber einen tiefen Atemzug und fragte dann „Warum fragst du das jetzt?“, was nur mit einem Achselzucken beantwortet wurde. Von diesem Tag an äußerte die Mutter ihren Sterbewunsch immer öfter – der Entschluss reifte heran.
Sedativa-Cocktail steht bereit
Eines Tages war es dann so weit. Hannah versprach ihrer Mutter, im Rahmen des in Kalifornien zugelassenen Vorgehens (
Medical aid in dying – MAID) und in Absprache mit dem Palliativteam, zu handeln und ihre Mutter bei ihrem Sterbewunsch zu unterstützen. Nach Befolgung aller formalen Regeln wurde ihr dann ein Sedativa-Cocktail verschrieben, den Hannah auf ihrem Nachttisch stehen hatte, bis ihre Mutter sich spontan entschloss, jetzt sterben zu wollen und niemand ihre Meinung ändern konnte. Als es so weit war, öffnete Hannah das Fläschchen, da ihre Mutter aufgrund von Metastasen in der Hand dazu nicht selbst in der Lage gewesen wäre. Sie mischte den Trank mit Apfelsaft und überreichte ihn. Ihre Mutter trank die Flasche innerhalb von zwei Minuten aus, reichte sie ihrer Tochter, legte sich auf die Seite und verstarb kurz darauf.
Weder die Mutter noch einer der Anwesenden am Totenbett bekamen dabei mit, welche innerlichen Kämpfe die Tochter auszufechten hatte – hin- und hergerissen zwischen eigenen Wünschen, Emotionen und professionellem Verhalten. Um ihre Mutter im letzten Moment vom Freitod abzuhalten, hätte sie sich am liebsten zu ihr ins Bett gelegt und ihr gesagt, wie sehr sie ihre Mutter braucht. Auf der anderen Seite wusste sie, dass sie die Autonomie ihrer Mutter respektieren und in ihrem Sinne handeln musste.
Albträume sind geblieben
Obwohl ihre Mutter auf eigenen Wunsch und nach einer schweren Erkrankung verstorben war, plagten Hanna letztlich Zweifel: „Meine anhaltenden Albträume, in denen ich ihr das Getränk noch einmal überreiche, haben zu meinem eigenen Erschrecken dazu geführt, dass meine Überzeugungen ins Wanken geraten sind.“
Im beruflichen Alltag ist Hannah Kirsch in der Palliativpflege immer wieder mit dem Wunsch nach einem Freitod konfrontiert und weiß, dass die freie Entscheidung am Lebensende der richtige Weg ist. Sie weiß jetzt aber auch, dass es für nahe Angehörige emotional sehr schwierig sein kann, damit umzugehen – selbst wenn sie die Entscheidung grundsätzlich akzeptieren.