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Die Kunst des Zuwartens und die Tücken der lateinischen Sprache
Ob es nun um den Rat zu einer „exspektativen Therapie“ bei einer harmlosen Erkrankung, den „C2-Komplex“ oder die Einschätzung der geistigen Kapazitäten des Gegenübers geht: Oft dienen Codes dazu, Behandlungsstrategien prägnant zu umschreiben. Ein Klassiker in der internistischen Entscheidungsfindung ist das „forcierte Zuwarten“. Ein coliquio-Mitglied erinnert sich an eine Augenklinik, deren Standardempfehlung bei allen Patientenvorstellungen darauf hinauslief. Andere Umschreibungen für das „watch & wait“ sind die „passive Prophylaxe“, „abwartendes Offenhalten“, KWP ("Kucken was passiert") oder, ganz pragmatisch auf Bayrisch: „Schau ma moi, dann seng ma scho“.
Zugleich verdeutlicht die Diskussion jedoch, dass diese ärztliche „Geheimsprache“ ein zweischneidiges Schwert ist. Während manche Kolleginnen und Kollegen sie als notwendiges Werkzeug für Effizienz und Diskretion schätzen, mahnen andere zur Vorsicht – denn nicht jede Patientin und jeder Patient hat sein Wissen um die lateinische Sprache verloren. Ein Mitglied berichtet von einer Episode, die sich auf einer Intensivstation während der Visite zugetragen hat. Ein Patient, der kürzlich einen Herzinfarkt erlitten hatte, begrüßte den Chefarzt mit „Ave Caesar“, woraufhin der ebenfalls anwesende Oberarzt prompt anfügte: „morituri te salutant“ (Die Totgeweihten grüßen dich).
„Jedenfalls sollte man sich zuvor vergewissern, dass der Patient nicht das große Latinum hat.“
coliquio-Mitglied, Chirurgie
Dass solche Formulierungen sogar juristische Konsequenzen haben können, zeigt der Fall einer Patientin, die nach der Bezeichnung „Phimosis cerebri“ (was unter Kollegen eine gewisse geistige Enge umschreiben sollte) vor Gericht zog – die Dame war Anwältin.
Deskriptive Diagnosen: Zwischen Anatomie und Geografie
Besonders einfallsreich zeigt sich die Ärzteschaft bei der Umschreibung unklarer Beschwerden, sensibler Sachverhalte und kognitiver Auffälligkeiten:
Individuelles Schmerzempfinden: Ein coliquio-Mitglied berichtet von einem Zahnarztbesuch: In der Patientenkartei waren die Karteikarten in unterschiedlich intensiven Grüntönen markiert. In der oberen rechten Ecke fand sich die Notiz „VW“. Auf Nachfrage erklärte die ZFA, dies stehe für „vegetatives Würstchen“. „Ich fürchte, ich gehörte in die grellste Kategorie“, so das augenzwinkernde Fazit. Ein anderes coliquio-Mitglied erinnert sich an Situationen in einer Kinderklinik, in denen es eine „Obecalb-Tablette“ (Placebo rückwärts gelesen) gab. In besonders schweren Fällen, wenn bereits ein intravenöser Zugang gelegt war, war mitunter eine „Naclin-Infusion“ (NaCl 0,9 %) nötig. Beides habe oft Wunder bewirkt.
Kreativität bei kognitiven Umschreibungen: Wenn der supratentorielle Bereich betroffen ist, kennt die Kreativität offenbar keine Grenzen. Mögliche Umschreibungen sind Begriffe wie „cerebroanaler Shunt“, „kraniorektale Inversion“, „supranasale Oligosynapsi“, „supratentorielle Agenesie“, „supratentorielles monosynaptisches Syndrom“ oder eine „fractura corporis totalis“. Ein Kollege erinnert sich amüsiert an den Code „SOIL!“ (SupraOrbital InfraLuminiert) als Erinnerungshilfe auf Patientenkarteien. Auch der Bezug zu hiesigen Gebäckherstellern wird in diesem Zusammenhang hergestellt. Die Diagnosen „Morbus Bahlsen“ und „Morbus Leibniz“ sind von umgangssprachlichen Ausdrücken wie „einen an der Waffel haben“ abgeleitet.
Diskretion bei Suchterkrankungen: Um Alkoholprobleme nicht offen auszusprechen, griffen Kollegen in der Trier-Bitburger Region gerne auf den „Morbus Simon“ zurück – benannt nach dem Gründer einer bekannten ortsansässigen Brauerei.
Wurde bei der Visite im Krankenhaus ein Krebs-Patient vorgestellt, wurde in Anwesenheit des Patienten die Ca-Diagnose mit „Morbus Brenninkmeijer“ (Name der C&A-Gründer-Familie) bezeichnet.
coliquio-Mitglied, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Professionalität oder Überheblichkeit?
In der Diskussion werden jedoch auch Bedenken geäußert. Dies zeigt, dass hier durchaus ein schmaler Grat zwischen eleganter Teamkommunikation und potenzieller Kränkung herrscht. So findet ein Mitglied die Verwendung von Geheimcodes problematisch, schließlich könnten Patienten heutzutage binnen weniger Sekunden per Smartphone die „Codes“ entschlüsseln. Ein weiteres Mitglied findet die Verwendung von Codes zwar lustig, käme aber nie auf den Gedanken, selbst so zu kommunizieren.
Dem halten andere entgegen, dass Geheimcodes durchaus Ausdruck von Höflichkeit sein können. Man könne dem Patienten schließlich schlecht direkt ins Gesicht sagen, dass er beratungsresistent oder besonders wehleidig sei. Die Codes dienen hier als Filter, um wichtige Informationen für das Team bereitzustellen, ohne das Vertrauensverhältnis zum Patienten unmittelbar zu gefährden.
Ich finde, dass ein paar geheime Ausdrücke keine Schande sind. Es zeigt keine Überheblichkeit den Patienten gegenüber, sondern einfach Höflichkeit. Ich kann ja schlecht meinen Mitarbeitern oder Kollegen vor dem Patienten und dessen Angehörigen sagen, dass dieser extrem wehleidig ist, oder beispielsweise beratungsresistent oder Alkoholiker. Es ist aber ganz wichtig für die weitere Therapie und die Wortwahl der Beratung, dass diese Infos an alle weitergegeben werden. Dadurch werden des Öfteren auch Überbehandlungen oder Fehlbehandlungen vermieden. Und weil natürlich der Patient immer aufgeklärter ist, entwickeln sich auch (teilweise regional oder intern) neue Codes. Das ist gut so, ich stehe dazu.
coliquio-Mitglied, Zahnmedizin
Ein Fazit mit Augenzwinkern
Die „Obecalp-Tablette“, der „Morbus Simon“ oder die „supratentorielle Agenesie“: Es darf durchaus diskutiert werden, ob Codes ein Zeichen von Kollegialität oder doch ein Relikt paternalistischer Medizin sind. Die Geheimsprache wird wohl ein Teil des medizinischen Alltags oder zumindest eine augenzwinkernde Erinnerung an die Jahre in der Ausbildung bleiben – solange sie mit dem nötigen Respekt und einer Prise Humor verwendet wird. Denn wie ein Kollege treffend feststellt: „Unser Beruf kann doch noch richtig Spaß machen“.
Dieser Beitrag basiert auf der Forumsdiskussion „Geheimcodes“ unter Ärzten. Der Beitrag wurde mit Unterstützung von KI erstellt und anschließend redaktionell geprüft und bearbeitet.
Bei der ärztlichen Visite ist mitunter diskrete Kommunikation erforderlich, um fachliche Einschätzungen und zwischenmenschliche Herausforderungen zu teilen. Eine Diskussion im coliquio-Forum zeigt, dass diese ärztliche „Geheimsprache“ zwar mit Vorsicht zu genießen ist, in jedem Fall aber zum Schmunzeln im Berufsalltag anregen kann.
09.04.2026Lesedauer: ca. 4 MinutenVon: Marc Fröhling
Professionalität oder Überheblichkeit? Viele Kolleginnen und Kollegen können Anekdoten zum „Ärzte-Latein“ beisteuern.