Wenn Atteste und Formulare den Praxisalltag dominieren
Sie möchten weiterlesen & kommentieren?
Jetzt kostenlos coliquio-Mitglied werden und Zugriff erhalten auf:
alle Artikel
den Austausch mit Fachkollegen
CME-Fortbildungen und Webseminare
Nachweis des Lebens
Mehrere Ärztinnen und Ärzte erzählen von Patienten, die sich schriftlich bestätigen lassen möchten, „dass sie noch leben“. Diesen Lebensnachweis für die Rentenversicherung benötigen etwa Personen mit einem Wohnsitz im Ausland. Ein coliquio-Mitglied aus der Anästhesiologe hat sich hierfür einen sehr überzeugenden Beleg einfallen lassen: Er fotografierte den Patienten mit der aktuellen Tageszeitung und dem Victory Zeichen und stellte das Foto als Beleg aus.
Doch diesen Bürokratiewahnsinn scheint es nicht nur in Deutschland zu geben, sondern etwa auch in Brasilien, wie ein Mitglied aus der Allgemeinmedizin zu berichten weiß. Dort müssten Rentenempfänger auch Banken gegenüber nachweisen, dass sie noch leben - was zu einem makabren Vorfall geführt habe: „Eine Rentenzahlungs-Antragstellerin war letztes Jahr so frech, den eben verstorbenen, noch nicht todesstarren Vater mit in die Bank zu schleppen und ihn dort mit Püffen und lauten Aufforderungen zum Reden bringen zu wollen.“ Das habe viel Aufmerksamkeit erregt, berichtet der Arzt oder die Ärztin.
Wiederholte Atteste für chronische Erkrankungen
Ähnlich absurd scheint die wiederkehrende Attestpflicht bei chronischen oder irreversiblen Zuständen. Genannt werden in der Diskussion unter anderem das komplexe regionale Schmerzsyndrom CRPS I oder der Gesundheitszustand nach Amputation: Hier verlangten Universitäten oder Behörden immer wieder „aktuelle“ Nachweise, erzählen Kolleginnen und Kollegen. Ein coliquio-Mitglied aus der Zahnmedizin bringt es ironisch auf den Punkt: Gesetzgeber scheinen zu glauben, amputierte Gliedmaßen könnten nachwachsen.
Ellenlange Liste an Atteste und Bescheinigungen
Eine Frauenärztin berichtet von einer umfangreichen „Wunschliste“ an Bescheinigungen und Attesten, mit denen sie regelmäßig konfrontiert wird. Das Spektrum reicht von Schulsportbefreiungen und Sporttauglichkeitszeugnissen über Reise- und Flugtauglichkeitsbescheinigungen bis hin zu Dokumenten für das Mitführen der Pille bei Auslandsreisen oder Anträgen zur Begrenzung der täglichen Arbeitszeit.
Für besonderes Unverständnis unter den Diskussionsteilnehmern sorgte in diesem Zusammenhang das Beispiel einer arbeitslosen Schwangeren: Obwohl ihr Partner ebenfalls zu Hause war, sei ihr eine Haushaltshilfe bewilligt worden. Zudem gab die Betroffene an, Termine erst ab 11 Uhr wahrnehmen zu können, da sie morgens länger schlafe; das bereits vorhandene Kind besuche derweil ganztägig die Kindertagesstätte. Unter den Kolleginnen und Kollegen entsteht hier der Eindruck, dass Kassen in solchen Fällen schnell positiv entscheiden, um einer potenziellen Klage durch diese Personen zu entgehen.
Ich frage mich, wieso die Krankenkasse sowas positiv bescheidet und alte Menschen mit Krücken ihren Haushalt selbst erledigen müssen.
coliquio-Mitglied, Frauenheilkunde und Geburtshilfe
3 besondere Kuriositäten aus dem Arztalltag
Wie kreativ bürokratische Anfragen und Patientenwünsche werden können, zeigen diese drei außergewöhnlichen Fälle, von denen Kolleginnen und Kollegen in der Diskussion berichteten:
Luxus auf Rezept: Ein Hausarzt bescheinigte einem Außendienstmitarbeiter, dass dieser "aus medizinischen Gründen nur noch SUV fahren" könne, erzählt ein Betriebsarzt. Eigene Festung für Allergikerin: Eine Jurastudentin mit Erdnussallergie forderte eine Bescheinigung, mit dem Ziel, einen eigenen, erdnussfreien Prüfungsraum für das Staatsexamen bereit gestellt zu bekommen. Bürokratischer Zeitfehler: Ein Arbeitgeber verlangte den Nachweis einer Masernimpfung für eine Mitarbeiterin des Jahrgangs 1966 – obwohl die gesetzliche Regelung bekanntlich nur für Personen gilt, die nach 1970 geboren wurden.
Dass die ärztliche Dokumentation bei solch absurden Wünschen nicht immer auf Formularen erfolgen muss, beweist diese Anekdote aus der coliquio-Community:
Ich habe die Sportunfähigkeit auf dem vorhandenen Unterschenkelgips des Schülers bescheinigt.
coliquio-Mitglied, Orthopädie und Unfallchirurgie
Lösungsansätze gegen die Bescheinigungswut
Welche Tipps haben die Kolleginnen und Kollegen? Viele plädieren dafür, der unnötigen Bürokratie ökonomisch zu begegnen: Eine Empfehlung lautet, nicht GKV-gedeckte Bescheinigungen konsequent nach der GOÄ in Rechnung stellen (beispielsweise GOÄ 70 für kurze Schreiben oder GOÄ 80 für gutachterliche Stellungnahmen). Eine „Schutzgebühr“ oder Sofortkasse an der Rezeption soll den Anreiz für unnötige Anfragen mindern. Gleichzeitig fordern sie bundeseinheitliche Regeln — klare Dos and Don'ts, standardisierte Vorlagen für häufige Bescheinigungen und bessere digitale Schnittstellen zwischen Praxen und Kassen.
In meiner Studentenzeit mit Praxisvertretungen konnte man in Zürich für jedes Attest circa 5 Schweizer Franken verlangen, später in St.Gallen nicht. Das machte bezüglich Anfragen und Ertrag schon etwas aus, das Geld stimmte auch etwas gnädiger betreffend der Wünsche.
Wenn Atteste und Formulare den Praxisalltag dominieren
Den Alltag einer Arztpraxis bestimmen heute nicht mehr nur medizinische Leistungen und Patientengespräche. Vielmehr nimmt die Bürokratie einen immer größeren Raum ein. Besonders die Bescheinigungsflut trifft bei vielen Kollegen und Kolleginnen aller Fachrichtungen auf Unverständnis, wie eine Forumsdiskussion offenbart. Erfahren Sie hier mehr über einige skurrile und widersinnige Forderungen.