Die bundesweit bisher größte Befragung dieser Art mit fand im Februar und März dieses Jahres statt, mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden (69 %) sind weiblich und mehr als die Hälfte (53 %) 40 Jahre und jünger, wie die Ärzte-Gewerkschaft berichtet.
Knapp die Hälfte der Befragten (49 %) berichtet, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. Die Vorfälle treten häufig wiederholt auf, die Hälfte der Betroffenen (51 %) erlebt sie mehrmals im Jahr, ein erheblicher Anteil sogar monatlich (30 %) oder wöchentlich (14 %). Weit überwiegend geht der Machtmissbrauch von männlichen ärztlichen Vorgesetzten aus.
Am häufigsten äußert sich Machtmissbrauch in einem respektlosen und herablassenden Umgangston. An zweiter Stelle rangiert die sachgrundlose Infragestellung der fachlichen Kompetenz und am dritthäufigsten kommen Mobbing oder öffentlicher Bloßstellung vor, zum Beispiel vor dem Team oder vor Patienten. Formen von Machtmissbrauch sind häufig subtil, aber in ihrer Wirkung nachhaltig: Sie prägen das Arbeitsklima, verstärken Abhängigkeitsverhältnisse und tragen dazu bei, dass Betroffene sich nicht gegen Grenzverletzungen zur Wehr setzen. Drei Viertel der Betroffenen verzichten auf eine Meldung, weil sie keine wirksamen Konsequenzen erwarten, berufliche Nachteile befürchten oder keine vertraulichen Meldewege sehen.
Gravierende Folgen
Die Folgen von Machtmissbrauch sind erheblich: Viele Betroffene berichten von emotionaler Erschöpfung und anhaltender Anspannung, von verminderter Arbeitsmotivation und äußern den Wunsch, die Abteilung oder den Arbeitsplatz zu wechseln.
„Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass Machtmissbrauch ein zentrales Strukturproblem im ärztlichen Arbeitsalltag ist und den Kontext bildet, in dem weitere Grenzverletzungen entstehen können. Wer in einer Führungsposition arbeitet, muss sich des Machtgefälles bewusst sein. Macht ist nicht neutral – sie wirkt. Und sie wirkt umso stärker dort, wo Abhängigkeit besteht. Übergriffigkeit und Herabwürdigung sind niemals akzeptabel – aber in Abhängigkeitsverhältnissen wiegen sie besonders schwer. Die Krankenhäuser müssen sich diesen Strukturproblemen stellen, klare Leitbilder entwickeln, verbindliche Richtlinien vorgeben und Grenzüberschreitungen konsequent ahnden. Die Betroffenen brauchen verlässliche Anlaufstellen und Ansprechpersonen, denen sie vertrauen können“, fordert Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes.
Auch sexuelle Belästigung ist ein relevantes Problem im ärztlichen Arbeitsumfeld. 13 Prozent der Befragten berichten von entsprechenden Erfahrungen in der kurzen Zeitspanne der vergangenen zwölf Monate. Am häufigsten handelt es sich um sexualbezogene Kommentare oder abwertende Sprüche sowie um unerwünschte Gespräche mit sexuellem Inhalt. Auch unerwünschte körperliche Nähe wird von vielen Betroffenen genannt.
Etwa drei Viertel der Betroffenen hat sexuelle Belästigung in den zurückliegenden zwölf Monaten mehrmals erlebt, 59 Prozent „mehrmals im Jahr“, 17 Prozent „mehrmals im Monat“ und 6 Prozent sogar „mehrmals in der Woche“; 18 Prozent berichten von einem einmaligen Vorfall in den vergangenen zwölf Monaten.
Die Freitextantworten der Befragten verdeutlichen zusätzlich die Bandbreite und Alltäglichkeit dieser Erfahrungen. Sexuelle Belästigung gegenüber ärztlichen Beschäftigten tritt häufig im Kontext bestehender Machtverhältnisse auf, in denen Grenzüberschreitungen erleichtert und Gegenwehr erschwert werden. Auch hier ist die Meldequote mit 16 Prozent sehr niedrig und das Vertrauen in Konsequenzen gering.
Führungskräfte in die Verantwortung nehmen
Vor diesem Hintergrund sieht der Marburger Bund dringenden Handlungsbedarf. „Betriebsräte, Beschwerdestellen und Geschäftsführungen müssen bei Grenzüberschreitungen eng zusammenarbeiten und präventiv handeln. Es kann nicht sein, dass sexuelle Belästigung folgenlos bleibt oder sogar dazu führt, dass den Betroffenen die Kündigung nahegelegt wird. Wir brauchen eine andere Führungskultur in den Krankenhäusern. Führungskräfte müssen für ihre Verantwortung qualifiziert und stärker in die Pflicht genommen werden“, so Dr. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes.