„Wir wollen genau dort sein, wo unser Angebot die jungen Menschen erreicht. Nämlich in der Schule“, betont Andrea Mais. Der direkte Austausch hilft ihr, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Themen die Jugendlichen aktuell beschäftigen und wo Unsicherheiten bestehen.
Ihre persönliche Motivation entspringt ihrer eigenen Erfahrung als Jugendliche: Beim ersten Besuch in einer gynäkologischen Praxis fühlte sie sich mit ihren Fragen weder gut informiert noch ernst genommen. Rückblickend weiß sie, dass verständliche Erklärungen ihr viele Ängste und auch Schmerzen hätten ersparen können. So entstand der Wunsch, Medizin zu studieren und Aufklärung anders zu gestalten, wofür im klinischen Alltag oft die Zeit fehlt.
90 Minuten Fragen und Antworten im geschützten Raum
Die 90-minütigen Workshops finden in der Regel geschlechtergetrennt, direkt im Klassenzimmer und ohne Lehrkraft statt. „Wir sind ja neutrale Personen. Als Ärztinnen und Ärzte unterliegen wir außerdem einer Schweigepflicht“, erklärt Mais. In diesem geschützten Rahmen trauen sich die Jugendlichen, Fragen zu stellen, die sie sonst niemandem stellen würden.
Die Kinder und Jugendlichen können die Workshops ab der 4. Klasse bis hin zur Berufsschule alle zwei Jahre besuchen. Ergänzend dazu gibt es eigene didaktische Materialien, Elternabende, Elternbriefe sowie Fortbildungen für Lehrkräfte. Zudem können sich Jugendliche auf der
Webseite www.doctorial.de oder dem
YouTube-Kanal „DOCtorial by ÄGGF“ informieren.
In den 90-minütigen, geschlechtergetrennten Workshops haben Jugendliche die Möglichkeit, ihre medizinischen Fragen offen zu stellen.
© ÄGGF
Es fehlt an grundlegendem Wissen
Wenn Jugendliche heute medizinische Aussagen hinterfragen, berufen sie sich laut Mais häufig auf Inhalte von TikTok, YouTube oder künstlicher Intelligenz. Dabei zeigt sich, dass verkürzte oder zugespitzte Inhalte aus den sozialen Medien die Unsicherheiten massiv verstärken.
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) führt regelmäßig die große
Repräsentativstudie „Jugendsexualität“ durch. Demnach ist das Internet für rund 59 % der Jugendlichen die primäre Wissensquelle für Aufklärung. Besonders alarmierend ist, dass Minderjährige (insbesondere Mädchen) für die Aussagen von Influencern auf TikTok oder Instagram deutlich empfänglicher sind als junge Erwachsene.
Gleichzeitig fehle es an grundlegendem Wissen über Anatomie und Körperfunktionen. „Ich habe in den letzten 21 Jahren gelernt, dass Jugendliche wirklich kaum Vorwissen haben“, berichtet die Ärztin. „Wir setzen meist voraus, dass sie verstehen, was wir sagen. Und das ist wirklich gar nicht so.“ Selbst der Unterschied zwischen Vulva und Vagina sei vielen unklar, ebenso wie die Existenz der Klitoris.
Wie groß die Missverständnisse teilweise sind, veranschaulicht sie am Beispiel der HPV-Impfung: Es wird gefragt, ob die Impfung in die Geschlechtsorgane gespritzt wird. Seitdem erklärt sie direkt zu Beginn des Themas, dass die Impfung in den Oberarm erfolgt, und klopft sich zur visuellen Bestätigung darauf. Daraufhin sei eine spürbare Erleichterung in den Gesichtern der jungen Menschen zu sehen, so Mais.
Das fragen Jugendliche heute: Von Testosteron bis Transidentität
In den letzten 20 Jahren haben sich die Sorgen von Jugendlichen stark gewandelt. Das zeigt sich an den verschiedenen Schwerpunkten: „Früher fragten die Jugendlichen: ‚Ab wann darf ich denn die Pille nehmen?‘“, erinnert sich Mais. Heute hört man dagegen häufiger pauschale Aussagen wie: „Die Pille ist doch so gefährlich, die darf man doch gar nicht mehr nehmen.“
Diese Skepsis gegenüber hormoneller Verhütung lässt sich belegen. Laut BIÖG sank die Nutzung der Pille beim ersten Geschlechtsverkehr von 45 % auf nur noch 30 %. Als Hauptgrund geben die Mädchen eine deutlich schlechtere Beurteilung der „Gesundheitsverträglichkeit“ an – ein Narrativ, das durch Social Media befeuert wird.
Auch vor Tampons oder gar Menstruationstassen bestehen durch plakative Negativvideos im Internet zunehmend Ängste, weshalb oft Binden oder Menstruationsunterhosen bevorzugt werden.
ÄGGF-Workshop für Mädchen.
© ÄGGF
Bei männlichen Jugendlichen stoßen Themen wie Testosteronsteigerung, Muskelaufbau und Supplement-Trends aus dem Internet auf großes Interesse. Sie fragen beispielsweise: „Wie kann ich Testosteron sparen?“ Hierfür werden auf Social-Media-Kanälen die skurrilsten Tipps gegeben, wie etwa das Auflegen von Eiswürfeln auf die Hoden. Dies führt teils dazu, dass sich Betroffene mit Erfrierungen im Genitalbereich in der Notaufnahme oder bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten vorstellen. Auch Selbstbefriedigung ist tabu, da dabei angeblich für den Muskelaufbau essenzielles Testosteron verloren gehe.
Transidentität und Transsexualität sind zwei relativ neue Themenbereiche, die von Jugendlichen in den letzten Jahren immer öfter angesprochen werden: „Wie kann es sein, dass ein Mann ein Kind bekommt?“, „Wie viele Geschlechter gibt es eigentlich?“ oder „Wie kann aus einer Frau ein Mann werden?“.
Das lückenhafte Wissen über sexuell übertragbare Infektionen (STIs) ist hingegen gleich geblieben. Zudem werden durch unregulierten Pornografiekonsum geprägte Fragen heute deutlich früher gestellt.
Entlastung für Praxen
Für niedergelassene Kolleginnen und Kollegen ist diese Vorarbeit wichtig. „Wir verstehen unsere Arbeit als mögliche Ergänzung, keinesfalls als Ersatz für die ärztliche Beratung“, stellt die Vorstandsvorsitzende klar. Da medizinisches Vorwissen oft überschätzt wird und Scham den Arztbesuch hemmt, erklären die Ärztinnen und Ärzte , was genau bei der J1-Untersuchung oder einem Besuch in der Urologie bzw. Gynäkologie passiert. Dies senkt Hemmschwellen und erleichtert spätere Gespräche in der Praxis. Evaluationen der ÄGGF zeigen einen signifikanten Wissenszuwachs und eine erhöhte Bereitschaft, Vorsorge- oder Impfangebote in Anspruch zu nehmen.
Auch die Ärztinnen und Ärzte der ÄGGF selbst profitieren von diesem Austausch mit den Jugendlichen. Die Arbeit verdeutlicht, dass hinter banalen Fragen oft Ängste stecken. Man eigne sich „unwillkürlich eine sehr einfache und klare Sprache an“, was generell in der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten helfe. Zudem berichtet das ärztliche Team immer wieder, wie zufriedenstellend es ist, endlich einmal ausreichend Zeit zu haben, um medizinische Zusammenhänge zu erklären.
So können Sie als Ärztin oder Arzt aktiv werdenWelche Voraussetzungen müssen teilnehmende Ärztinnen und Ärzte erfüllen?
Sie sollten Freude an Prävention und Gesundheitsbildung haben, gut mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen können und selbst Ärztin oder Arzt sein. Wichtig sind fachliche Sicherheit, Offenheit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Wissen verständlich und sensibel zu vermitteln.
Welche Fachrichtungen werden gesucht?
Grundsätzlich sind Ärztinnen und Ärzte willkommen, die sich für Prävention, Jugendgesundheit und Gesundheitskompetenz mit den Schwerpunkten Pubertät, Sexualität, Körperakzeptanz und mentale Gesundheit engagieren möchten. Entscheidend ist aber vor allem die persönliche Eignung für die Arbeit mit Schulklassen.
Interessierte Kolleginnen und Kollegen können sich über die ÄGGF-Webseite melden. Wird die Arbeit vergütet?
Die Tätigkeit wird mit einer Aufwandsentschädigung honoriert, ansonsten arbeiten unsere ärztlichen Mitglieder ehrenamtlich. Außerdem gibt es eine Fahrtkostenpauschale für die Schulbesuche. Ein Mitgliedsbeitrag wird nicht erhoben.
Wie viel Zeit nimmt die Tätigkeit in Anspruch?
Die ÄGGF nennt als Orientierung etwa ein bis zwei Vormittage pro Woche. Die Workshops finden in der Regel während der Unterrichtszeit am Vormittag statt.
Was können Ärztinnen und Ärzte machen, wenn es die Initiative in ihrer Stadt nicht gibt, sie diese aber trotzdem unterstützen möchten?
Sie können sich trotzdem bei der ÄGGF melden. Oft entstehen neue Möglichkeiten genau dort, wo engagierte Ärztinnen und Ärzte vor Ort Interesse zeigen. Außerdem können sie die ÄGGF sichtbar machen, Kontakte zu Schulen, Netzwerken oder möglichen Förderern herstellen und so dabei helfen, Gesundheitsbildung in weitere Regionen zu bringen. Ansonsten können sie auch gerne Fördermitglied werden.