Dr. Philip Huber ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. 5 Jahre lang arbeitete er ausschließlich fern der ärztlichen Hierarchien und festgefügten Dienstpläne eines Krankenhauses als medizinischer Zeitarbeiter. Viele medizinische Zeitarbeiter schwärmen. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: Die ärztliche Zeitarbeit ist nur etwas für reisefreudige und stressfeste Geister mit einer guten Kondition. Leiharbeiter führen ein unstetes Leben. Genau das richtige für Huber.
Wenn ein Krankenhaus eine Aushilfe braucht, wendet sich die Klinik in Not an die Vermittlungsagentur, mit der Huber einen festen Vertrag über ein monatliches Stundenkontingent geschlossen hat, in diesem Fall an die Firma doctari. „Die Anfrage kommt in Echtzeit über die doctari-App zu uns, und wir bewerben uns in einem First-come-first-serve-Verfahren um den benötigten Dienst“, sagt Huber. „Man kann sofort über das Handy einsteigen. Ich bespreche mich kurz mit meiner Frau – und wenn alles passt, bewerbe ich mich.“ Dann fährt er los.
Zeitarbeiter führen ein unstetes Leben
Gegebenenfalls macht doctari für seine Ärztinnen und Ärzte sofort einen Vertrag mit dem Krankenhaus fertig, der unter anderem auch Haftungsfragen regelt. „Denn ein einziger Fehler kann bei uns Geburtshelfern ja gravierende Folgen haben, ein schwer geschädigtes Kind – oder eine Mutter mit schweren Komplikationen. Egal, wie gut wir sind, es gibt immer wieder schicksalhafte Verläufe.“
Was bewegt einen Gynäkologen, unzählige Wochenenden und Feiertage im Sommer seines Lebens auf der Autobahn und auf fremden Krankenhausfluren zuzubringen? Huber ist beruflich „einen nicht ganz geraden Weg für einen Arzt“ gegangen, wie er selbst berichtet. Seine Alma Mater steht in München. Dort hat er auch seine Facharztausbildung absolviert, im Rotkreuz Krankenhaus in München-Nymphenburg. 2008 die Approbation, 2014 das Facharztexamen. Dann ab 2015 nach Berlin, wo er in Neukölln und Lichtenberg arbeitete. „Wir hatten dort 3.500 Geburten im Jahr, das heißt 10 Geburten am Tag. Da war medizinisch einiges geboten“, sagt Huber.
Geburtshilfe sei ihm eine Herzensangelegenheit, die ihn immer bei der Stange gehalten hat. Aber nach mehreren Jahren Klinik war ihm klar: Geburtshilfe – ja. Aber die klassische Arztlaufbahn in ein paar Krankenhäusern, mit ihren Schichten, autoritärer Führung und einer teils sehr old-school geprägten Hierarchiekultur – das ist nichts für ihn. „Du fängst irgendwo an, dienst dich nach oben, gegessen wird nicht, geschlafen wird nicht, sonst bist du nichts wert. Irgendwann wirst du Oberarzt und arbeitest nur noch. Nein, ich hatte keinen Spaß mehr an der Arbeit.“
Dann hatte er eine prägende Begegnung: Er traf einen glücklichen Kollegen, Ende 60 und mit viel Energie und Freude bei der Arbeit. Er hatte schon viel von der Welt der Medizin gesehen und wurde zu Hubers „Role Model“. „Denn er war auch Leiharbeiter, und durch ihn bin ich auch darauf gekommen, habe mich schlau gemacht und bin am Schluss bei doctari gelandet“, sagt Huber. Das war 2019.
Die Arbeit ist herausfordernd
„Herausfordernd“ sei die Arbeit als Zeitarzt gleichwohl, sagt Huber. Wenn er heute in eines seiner weit verstreuten Krankenhäuser kommt, ist er oft der einzige Arzt auf der Station. „Wenn irgendwo irgendwas vorfällt, bin ich zuständig“, sagt er. In den Häusern, in denen er arbeitet, kennen sie ihn meistens nicht.
Wenn er auf den fremden Stationen ankommt, erhält er nach der Nachmittagsübergabe den Umschlag mit den Passwörtern für die Stationssoftware und das Diensttelefon. Dann begrüßt er alle Kolleginnen und Kollegen. Da müsse man schon gut kommunizieren und könne nicht einfach stur seine Dienste schieben. „Das Personal und ich müssen ja 16 oder 24 Stunden gut miteinander arbeiten, da muss man ein Vertrauensverhältnis zu den Kolleginnen und Kollegen aufbauen. Schließlich kann ja immer was passieren, und manchmal sind die Kolleginnen und Kollegen vor Ort nicht glücklich über die Kurzzeit-Kollegen auf der Station. Da verschlimmert es die Lage, wenn man muffelig und verschlossen ist“, sagt er.
Trotz aller Vorteile ist die medizinische Zeitarbeit für Huber kein Modell für immer. „Normales Arbeiten ist schon anstrengend genug. Aber stundenlang im Auto zu sitzen und dann frisch irgendwo ankommen zu müssen und dann 24 Stunden zu arbeiten – das ist schon kräftezehrend“, sagt Huber. Inzwischen arbeitet er 70 % seiner Zeit in einem großen Krankenhaus in Frankfurt/Oder und ist mit 30 % seiner Zeit als Leiharbeiter unterwegs. „Seit April 24 arbeite ich also hybrid. Ich habe einen guten Vertrag verhandelt und kann mir meine Zeit relativ frei einteilen“, sagt Huber.
Er lebt weiter in Berlin, hält aber ein Zimmer in Frankfurt. Die hohe Schlagzahl in seiner Leiharztzeit hatte bei ihm in den ersten Jahren eine Zufriedenheit hinterlassen: „Es hat sich gut angefühlt, zum Job zu fahren, ihn zu erledigen und wieder zurückzufahren“, berichtet Huber.
Gute Verdienstmöglichkeiten
Man braucht Huber für die medizinische Zeitarbeit nicht zu begeistern, das ist er schon. Die gute Bezahlung tut ein Übriges. Nach Angaben von doctari verdienen Leihärzte etwa das Doppelte wie ihre angestellten Kolleginnen und Kollegen. Huber spricht von 90 Euro brutto pro Stunde. „Natürlich ist das Geld eine enorme Motivation.“
Allerdings – eine Familie hätte diesen Lebensentwurf wohl nicht ausgehalten. Hubers Frau ist Zahnärztin, das Paar hat keine Kinder. „Wir haben einen Lifestyle, der uns jetzt schon auf allen Ebenen eine hohe Flexibilität abverlangt. Es wäre schwer, wenn wir noch drei Kinder hätten“, sagt Huber. Dafür hat er Zeit für Yoga, Laufen und Foxterrier Milow.
Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.