Effektive Lösungen für das Problem der ärztlichen Unterversorgung in ländlichen Gebieten

24. Juni 2010 · Kategorie: Umfragen 

Eine aktuelle Umfrage auf der 28.000 Ärzte starken Expertenplattform coliquio

Das Thema der mangelnden ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum wurde erst kürzlich wieder von Gesundheitsminister Rösler angesprochen. Vorschläge für mögliche Auswege aus der Situation gibt es von zahlreichen Seiten. Doch welche Lösung(en) halten Ärzte, als unmittelbar Betroffene, für sinnvoll? Antworten zu dieser Frage gibt eine aktuelle, auf der unabhängigen Ärzte-Expertenplattform coliquio durchgeführte Umfrage:

Ergebnisse der Umfrage zu Lösungen für das Problem der ärztlichen Unterversorgung

Für den effektivsten Weg halten die coliquio-Mitglieder die finanzielle Unterstützung von Ärzten, die sich in unterversorgten Gebieten niederlassen, sowohl durch Kassen in Form von höheren Honoraren (14%) als auch durch Länder und Kommunen z.B. durch die Übernahme der Praxismiete oder in Form von zinsfreien Darlehen und kostengünstigem Wohnraum (12%). Diese langfristigen Maßnahmen sind nach Meinung der Ärzte einer Anschubfinanzierung wie z.B. Stipendien für Medizinstudenten, die sich verpflichten, einige Jahre in unterversorgten Gebieten zu arbeiten (8%), vorzuziehen.

Als Begründung werden von den Ärzten insbesondere die höheren Kosten genannt, die für einen Landarzt anfallen. Dazu gehören die durch längerer Anfahrtswege und größerer Zuständigkeitsbereiche höheren Fahrtkosten, eingeschränkte berufliche Möglichkeiten für den Ehepartner und die größere Gefahr von Regressforderungen auf Grund der ungünstigen Patientenstruktur. Eine Befreiung von Arzneimittel-regressregelungen sehen daher 6% der Befragten als zusätzlichen Anreiz, sich in Regionen mit geringer ärztlicher Versorgung niederzulassen.

Aber auch allgemein wird die Einführung eines attraktiven, der ärztlichen Aus- und Fort-/Weiterbildung entsprechenden Honorierungssystems gefordert (12%).

Mehr Freizeit für Ärzte, die sich in strukturschwachen Gebieten mit schlechter ärztlicher Versorgung niederzulassen, halten 9% für einen geeigneten Anreiz. Besonders im Hinblick auf die überdurchschnittlich hohe Belastung durch Notdienste in solchen Gebieten sind sie der Meinung, dass hier dringend etwas unternommen werden muss.

Arztstationen in unterversorgten Gebieten, die regelmäßig von Ärzten verschiedener Fachrichtungen aufgesucht werden, sehen 8% der Ärzte als sinnvolle Maßnahme. Dabei gilt es ihrer Meinung nach aber zu beachten, dass das Rotationssystem immer mit denselben Ärzten durchgeführt wird, um eine gewisse Kontinuität sowohl für Ärzte als auch für Patienten zu gewährleisten.

Neben der Verbesserung der Arbeitsbedingungen während der Weiterbildung (6%) wird auch eine feste Anbindung an eine Klinik in der Nähe und das türkische Modell von jeweils 4% der befragten Ärzte für eine geeignete Lösung gehalten. Zur Erklärung: In der Türkei muss jeder Hausarzt nach der Weiterbildung ein Jahr in unterversorgten Gebieten arbeiten.
Sowohl die Zusammenarbeit von Kliniken mit Praxen in strukturschwachen Gebieten als auch die zeitliche begrenzte Arbeit in solchen Regionen bietet zusätzlich zur verbesserten medizinischen Versorgung einen weiteren Vorteil: Die Ärzte haben die Möglichkeit, sich persönlich einen Eindruck vom beruflichen Alltag einer Landarztpraxis zu verschaffen.

Nach Forderungen zum Abbau unnötiger Bürokratie (3%) und dem Einsatz mobiler Praxen (3%) sind mit nur 2% regionale ärztliche Versorgungszentren (MVZ) weit hinten auf der Liste sinnvoller Maßnahmen. Ein Grund dafür ist nach Meinung der Ärzte der stark vergrößerte Einzugsbereich solcher Zentren in Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte, der zu längeren Anfahrtswegen führt. Besonders für ältere Personen bedeutet dies eine zusätzliche Belastung. Als positiver Effekt wird erwähnt, dass sich über diese Zentren die sonst in strukturschwachen Regionen sehr schwierige Fortbildung besser organisieren lässt.

In der ausführlichen Diskussion auf coliquio, die parallel zur Umfrage geführt wurde, gab es zahlreiche weitere interessante Vorschläge, wie z.B. den verstärkten Einsatz von Gemeindeschwestern oder die Einrichtung durch Assistenzärzte geführter Filialen großer Kliniken. Mit über 50% sehen die befragten Mitglieder jedoch finanzielle Anreize für Ärzte, die sich in Gebieten mit schlechter medizinischer Versorgung niederlassen, bei weitem als effektivste Maßnahme.

Download: Ergebnisse der Umfrage

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