Effektive Behandlung von Hämangiomen im Kindesalter

8. September 2010 · Kategorie: Allgemein 

Hämangiome sind definiert als wachsende benigne Gefäßtumore. Alle Hämangiome wachsen anfänglich relativ rasch und bilden sich dann über Jahre allmählich wieder zurück. Verbleiben können narbenartige Restzustände von der Größe und Form des Hämangioms zum Zeitpunkt seiner maximalen Ausdehnung.

Abbildung A: Hämangiom im Anfangsstadium
Abb. A: Hämangiom im Anfangsstadium

Es gibt sehr unterschiedliche Hämangiom-Formen, deren Kenntnis wichtig ist für die Entscheidung, ob und wenn ja, welche Therapie im Einzelfall optimal ist.

Mit Abstand am häufigsten kommen sogenannte „lokalisierte Hämangiome(LHs) vor. Diese sind definiert als von einem zentralen Punkt ausgehende, wachsende Gefäßtumore, welche in der Regel begrenzt und glatt sind. Der Großteil der LHs ist überwiegend oberflächlich, es gibt jedoch auch tiefliegende LHs.

Therapiebedürftig sind LHs vor allem bei Sitz in kosmetisch sensiblen Bereichen wie dem Gesicht, wegen Ulzerations-gefährdung aber auch bei Lokalisation im Genitalbereich, sowie wegen später eventuell auftretenden Tastproblemen im Fingerbereich.
Sie sollten möglichst früh behandelt werden. Für die Behandlung hat sich die Kryotherapie mit -32° C mittels elektrisch betriebenen Geräten (Eindringtiefe 3 mm) oder wahlweise gepulstem Farblaser (Eindringtiefe 2 mm) bewährt.

Abbildung B: Hämangiom unmittelbar vor Propranolol-Behandlung
Abb. B: Hämangiom vor Propranolol-
Behandlung

Seltener aber wesentlich problematischer sind sogenannte „segmentale Hämangiome“ (SHs). Diese oft sehr rasch wachsenden flächigen Hämangiome sind vor allem im Gesichtsbereich sehr problematisch und können im Augenbereich durch Verschluss zu einer funktionellen Erblindung führen.

Bis vor ca. 3 Jahren erfolgte ihre Behandlung überwiegend mit Prednisolon mit all seinen bekannten Nebenwirkungen und/oder einer aggressiven Lasertherapie (z.B. ND-YAG-Laser). In den letzten Jahren wurde die Behandlung dieser frühkindlichen Problem-Hämangiome revolutioniert.

Es war das Zufallsergebnis einer Arbeitsgruppe aus einer Klinik in Bordeaux, die ein Kind mit einem ausgedehnten SH im Gesichtsbereich mit komplettem Verschluss des Auges mit Prednisolon behandelte. Unter dieser Behandlung entwickelte sich eine Kardiomyopathie. Deshalb erhielt das Kind zusätzlich Propranolol (Betablocker). Völlig überraschend begann sich unter dieser Therapie das SH ungewöhnlich schnell zurückzubilden. Diese Beobachtung wurde von den Ärzten aufgegriffen und welche daraufhin 11 weitere Kinder mit Propranolol behandelten, mit den gleichen Ergebnissen.

Abbildung C: Hämangiom 1 Woche nach Prorpanolol-Behandlung
Abb. C: Hämangiom 1 Woche nach
Prorpanolol-Behandlung

Ich wurde von einer Schweizer Kollegin über diese Ergebnisse informiert und konnte aufgrund meiner guten Kontakte zum meinem Nachfolger in der Leitung der SLK-Kinderklinik Heilbronn (Prof. W. Kachel) auch dort diese Behandlung einführen. Inzwischen wurden über 250 Kinder erfolgreich behandelt. Die Erfolgsquote lag bei 98%. Diese Ergebnisse wurden bereits in zahlreiche Publikationen veröffentlicht.

Auf den Abbildungen A, B, C und D sehen Sie den Fallverlauf eines Kindes, das 14 Tage nach der Geburt ein winziges Hämangiom im Bereich des Oberlides am rechten Auge entwickelte. Da es zunächst nur wie ein kleiner Kratzer aussah (Abbildung A), riet der Kinderarzt zuzuwarten. Nach weiterem Wachstum des Hämangioms erfolgte auf Drängen der Mutter eine Überweisung an eine Uni-Hautklinik. Bis zum frühestmöglichen Termin vergingen weitere 4 Wochen.
Von der Hautklinik erfolgte eine Überweisung an die Uni-Augenklinik wo nach einer Untersuchung erneut der Vorschlag kam, abzuwarten, ob das Hämangiom sich eventuell wieder zurückbildet. Beim Kontrolltermin einen Monat später erfolgte eine Rücküberweisung an die Hautklinik. Einen Termin gab es allerdings erst 3 Wochen später.

Abbildung C: Hämangiom 2 Wochen nach Prorpanolol-Behandlung
Abb. D: Hämangiom 2 Wochen nach
Prorpanolol-Behandlung

Mittlerweile war bereits eine deutliche Sehbehinderung vorhanden. Nach einem neuen Termin in der Augenklinik wurde das Kind an ein Laserzentrum überwiesen und von dort an eine chirurgische Klinik. Ein OP-Termin für eine komplette Lidentfernung und plastische Deckung wurde wieder abgesagt und es erfolgte eine Überweisung nach Heilbronn zur Propranolol-Behandlung.
Bei der Aufnahme in der Kinderklinik Heilbronn war das Auge bereits komplett verschlossen (Abbildung B) und es drohte eine funktionelle Erblindung. Eine Woche nach Beginn der Propranolol-Behandlung konnte das Auge wieder leicht geöffnet werden (Abbildung C). 2 Wochen später hatte sich das Hämangiom noch weiter zurückgebildet (Abbildung D).

Bei rechtzeitiger Diagnosestellung und frühzeitiger richtiger Behandlung hätte man dieses Hämangiom problemlos beseitigen können.

Falls Sie mehr über seltene Hämangiomformen oder auch über Propranolol bei Problemhämangiomen erfahren wollen, bietet die Webseite des „Netzwerkes interdisziplinäre pädiatrische Dermatologie e. V.“ weiterführende Informationen.
Sie haben dort auch die Möglichkeit, über „Fallanfragen“ Bilder unklarer dermatologischer Erkrankungen ins Netz zu stellen. Diese Fragen werden dann unter anderem von Prof. Abeck und mir beantwortet.

Das „Netzwerk interdisziplinäre pädiatrische Dermatologie e.V.“ wurde vor 10 Jahren gegründet, um eine Brücke zwischen Pädiatern, Dermatologen und Kinderchirurgen zu bauen.

Prof. Dr. Hansjörg Cremer
(Mail: hj.cremer[.aet]t-online.de)

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Kommentare

One Response to “Effektive Behandlung von Hämangiomen im Kindesalter”

  1. manuela aschauer on Dezember 2nd, 2011 18:46

    Die Bezeichnung Hämangiome sollte zugunsten einer anderen Bezeichnung revidiert werden.

    Es gibt viele gutartige Gefäßtumoren, die global als Hämangiome bezeichet werden in Wirklichkeit aber z. T. größere arterielle feeder beinhalten, die embolisiert – bei operation ligiert werden sollten um rezidive und unnötiges blutvergießen zu vermeiden.

    ich schlage folgene Klassifikation vor: av malformationen mit high flow charakter (kennzeichen. hypertrophierte arterien und venen UND high flow shunts unnerhalb der läs,

    low flow malformationen – können arterielle feeder und dilatierte venen haben

    sog. klassische hämangiome.. als kapillär/ kavernöse malformationen

    reine venöse malformationen – angeboren sehr selten, erworben als varicositas – wobei hier die anlage vielleicht auch schon besteht – also auch angeboren, nur noch nicht ausgeprägt genug

    BESTE DIAGNOSTIK: MAGNETRESONANZ imaging MIT DYNAMISCHER,HOCHAUFGELÖSTER ANGIO – ich habe einer riesige fallsammlung dazu!!

    Therapie: sobald es kapillär – cavenös oder venös ist – mit direktembol oder kompletter resektion erfolgreich, aber arterielle feeder müssen jedenfalls ” gekappt erden – entweder chirungisch oder durch arterielle embol.

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